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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Dezember 2009

von Petra Hedler

Gewesen: November Music an der Folkwang Hochschule – Rihm-Uraufführung – Tiere sitzen nicht mit der musikFabrik

Angekündigt: On-Festival mit der musikFabrik – Klangbrücke Aachen – Werke von Komponistinnen u. v. m.



[November Music an der Folkwang Hochschule]



Vom 11. bis 14.11. lud die Folkwang Hochschule Essen zur November Music, einem viertägigen Festival zeitgenössischer Musik, das sowohl heimische Kräfte präsentiert als auch Gäste einlädt. Das hauseigene Studentenorchester hatte sich unter der Leitung von Johannes Kalitzke mit Alban Bergs Drei Orchesterstücken viel vorgenommen und war so zufrieden mit dem Erreichten, dass das Werk in der Essener Philharmonie gleich zweimal erklang. Davon eingerahmt wurden Werke des Folkwang Professors Günter Steinke und der In-Residence-Komponistin der Philharmonie Unsuk Chin, die beide Instrumentalklang und Elektronik verbanden. Ausgangspunkt von Unsuk Chins Xi für Ensemble und Elektronik sind markante Klavierklänge, die aufgenommen, einer differenzierten Klanganalyse unterzogen und verfremdet wurden. In einem zweiten Schritt fügte sie der sich daraus ergebenden elektronischen Schicht eine Instrumentalschicht hinzu und entfachte daraus ein spannendes Wechselspiel zwischen Annäherung, Verschmelzung und Kontrast.


Am Samstag stand das Berliner Ensemble PianoPercussion auf der Folkwangbühne mit Musik von Oliver Schneller, Gao Ping, Helmut Zapf und Jérôme Combier im Gepäck. Am spannendsten war Schnellers Resonant Space, das mit zwei Klavieren, Vibraphon und Glockenspiel einen faszinierenden Resonanzraum auffächert, der sich immer mehr füllt, differenziert und verzerrt.

Mike Svobodas 14 Versuche, Wagner lieben zu lernen waren weniger mein Fall. Mit eigenwilligem Humor zeigt er auf, dass sich Wagnerthemen auch für Jazzarrangements eignen, und spickt das Ganze mit einem Zitatensammelsurium, das von Nietzsche über Satie bis Marinetti reicht. Einzig der Tristan-Akkord dargeboten auf Mundharmonika und Melodikainstrumenten konnte mich überzeugen.

Zum Abschluss des Festivals wurden mit Wolfgang Hufschmidt und Nicolaus A. Huber zwei Komponisten gewürdigt, die die Hochschule als Professoren lange Zeit geprägt haben und in diesem Jahr jeweils einen runden Geburtstag feiern (75. und 70.). Die aus verschiedenen Schaffensphasen stammenden Werke zeigten Huber von seiner feinsinnigen und zurückgenommenen Seite. In Fingercapriccio für zwei Schlagzeuger vermeidet er das „Herumdonnern im Instrumentenpart“ und versucht über „instrumentale Diät….in das Farbenparadies des Hörens“ zu gelangen. Aufs Genaueste erkundet er, was Finger bzw. Schlägel als ihre Verlängerungen aus Bongos herausholen können, bevor zum Schluss einige metallige Perkussionsutensilien ins Spiel kommen. Hufschmidt lässt in seinem 16-teilgen Zyklus Engel der Geschichte „Spiegel-Scherben“ der neueren Musikgeschichte aufblitzen, so wenn er Weberns drei Stücke für Cello und Klavier op. 11 mit zwei Trios und Zuspielband auslotet. Das vorausgehende, ebenfalls Huber und Hufschmidt gewidmete Symposium lockte auch endlich eine Zuhörerzahl an, wie sie die November Music verdient hat.




[Rihm-Uraufführung]



Wenn so illustre Namen wie Wolfgang Rihm, Hillard Ensemble und Arditti Quartett aufeinander treffen, kann man schon mal neugierig werden. Rihm hat sein neues Werk ET LUX den beiden Formationen gewissermaßen auf den Leib geschrieben und am 15.11. kam das Ergebnis in der Kölner Philharmonie zur Uraufführung. Textvertonungen ziehen sich wie ein roter Faden durch Rihms Oeuvre, wobei er bislang vor allem literarische Quellen bevorzugte - von Hölderlin und Rilke bis zu ‚Abseitigerem’ wie in den Wölfi- und Alexander-Liedern. Diesmal wagte er sich an den Requiemtext, den er jedoch nicht der römischen Liturgie entsprechend vertonte, sondern in kleinste Textfragmente zerlegte. Das war allerdings die einzige ikonoklastische Tat des Abends. Die jahrhundertealte Requiemtradition hat Rihm offenbar (alters?)milde gestimmt. Soviel Wohlklang war selten. Ein sanfter, ruhiger, getragener Klangteppich breitet sich vor dem Hörer aus; äußerst selten bricht ein hartes Pizzicato, ein schriller Strich oder knarziger Streichergestus ins Geschehen, nur um sogleich vom ruhigen Klangstrom überspült zu werden. Auch bei den Textfragmenten sind es eher die versöhnlichen und hoffnungsvollen Stellen, die sich aus dem Geflecht der Stimmen herauslösen. „Libera me, lux perpetua“ dringt es herauf. Natürlich ist es schön, dem Ineinander- und Miteinander der vier Männer- und vier Streicherstimmen zu folgen, ihrem sanften An- und Abschwellen, ihren subtilen Verwebungen, dem zarten Flirren; bei mehr als einer Stunde Dauer hat man zudem Zeit genug, sich ihnen hinzugeben. Wieder aufgetaucht, war es mir dann aber doch etwas zu viel des Guten!



[Tiere sitzen nicht]



Eine ungewöhnliche Aktion unter einem noch ungewöhnlicheren Titel präsentierte die musikFabrik am 22.11. im WDR-Funkhaus. Bestens vertraut mit allen Finessen zeitgenössischer Notation wollten die Musiker des NRW-Ensembles persönliches Neuland erkunden und das weite Feld der Improvisation für sich erobern. Um sich nicht ganz allein ins Wagnis stürzen zu müssen, wandten sie sich an die beiden Komponisten Enno Poppe und Wolfgang Heiniger, die bereits in der Vergangenheit sowohl miteinander als auch mit der Musikfabrik zusammengearbeitet haben. Die beiden ließen sich vor allem vom enormen Instrumentenfundus des Ensembles inspirieren, wobei sich zu dem besonders üppigen Perkussionsarsenal auch die private Sammlung teils historischer Synthesizer des Pianisten Ulrich Löffler gesellte. Auf der Bühne nahm sich das – durch Podeste und ausgefeilte Lichtführung zusätzlich in Szene gesetzt – durchaus imposant aus, so dass der Untertitel eine Bühnenmusik für 200 Instrumente zweifellos berechtigt war. Ansonsten beschränkte sich der Einsatz der Komponisten darauf, den Rahmen für die improvisatorischen Aktivitäten der Musiker abzustecken und verschiedene Abschnitte vorzustrukturieren. So kamen nach einem vorwiegend von perkussiven Klängen bestimmten Auftakt vor allem Tasteninstrumente zum Einsatz, die auch von Musikern bedient wurden, die von Hause aus nicht mit ihnen vertraut sind. Das hört sich spannend an, aber leider konnte das Klangbild den Erwartungen nicht gerecht werden. Viel zu häufig verebbte die Musik in einem strukturlosen Gemenge und selbst die kleinen eingestreuten Soli wirkten teilweise uninspiriert. Chaos und Geräuschlastigkeit stoßen normalerweise bei mir auf offene Ohren, aber mehr als querfeldein sägen, rasseln und tuten muss schon dabei herauskommen. Die Musiker agierten eher nebeneinander als miteinander, ein sensibles Aufeinander-Hören und -Reagieren fand viel zu selten statt; jeder schien mit sich selbst und seinen Utensilien beschäftigt und so blieben jene magischen Momente gelungener Improvisation, in denen die musikalische Energie der Beteiligten wie unter einem Brennglas die Atmosphäre zum Brodeln bringt, fast ganz aus.


Der seltsame Titel – Tiere sitzen nicht – hat übrigens nichts weiter zu sagen, die Deutung soll ganz bewusst dem Hörer überlassen werden und ihn auf Überraschungen gefasst machen.



[Konzerte im Dezember]



Köln



Im Rahmen eines zweitägigen Festivals spielen am 4. und 5.12. Musiker der musikFabrik in den Räumen, Studios und Fluren des Ensembles Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts.

Die Reihe sonic objects wird am 6.12. im Kulturbunker Mülheim fortgesetzt und im silent movie theatre läuft am 10.12. Eisensteins Streik begleitet von Matthias Mainz und Frank Koellges.


ON – Neue Musik Köln präsentiert außerdem am 12.12. im Kölnischen Kunstverein Schlüsselwerke von Kagel und in der Hochschule für Musik trifft am 15.12. Jazz auf Komposition.

Am 10.12. gewährt ebenfalls in der Musikhochschule das Studio für elektronische Musik Einblick in sein Schaffen.

Derweil widmet sich das Musikwissenschaftliche Institut der Uni Köln am 4.12. Åke Parmerud.

Weitere Schlüsselwerke, von Schönberg und Zimmermann, erklingen am 18.12. in der Philharmonie, außerdem stehen dort Schnittke (6.12.), Musik für Orgel und Schlagzeug von Xenakis u.a. (30.12.) sowie Larcher (20.12. mit Paint Spraying!) auf dem Programm.

Das Trio Siciliano ist am 10.12. im italienischen Kulturinstitut zu Gast.


In der reihe M präsentiert Eva Zöllner am 15.12. in der Alten Feuerwache in ihrem Programm current phases neue und neueste Werke fu¨r Akkordeon kombiniert mit verschiedenstem „Zubehör“.

Das Asasello Quartett stellt in seinem 1:1-Konzert am 19.12. im Santa Clara Keller Wolfgang Rihm Ernest Bloch gegenüber.

In der Kunststation Sankt Peter erklingen am 6.12. Orgelimprovisationen und zum Jahresausklang Ives.

Das WDR Sinfonieorchester spielt am 10.12. Schnittke und Pärt und die Reihe ensemb[:E:]uropa wird am 20.12. mit dem Ensemble Archaeus aus Bukarest fortgesetzt.


Das BeijingCologne Kollektiv ist am 13.12. im Praxis-Projektatelier Staab zu erleben.



sonst wo



Ein Konzert mit Neuer Musik gibt es am 4.12. in der Folkwang Hochschule.

Die Klangbrücke Aachen hat zum Monatsauftakt gleich drei Konzert auf dem Programm. Vom 2. bis 4.12. werden das Pascal Schumacher Quartett, das Koan Trio und Bonefunk erwartet.

Das notabu.ensemble befasst sich am 2.12. in der Düsseldorfer Tonhalle mit Kagel und Stockhausen. Am 12.12. spielt das Landesjungendorchester für Neue Musik am gleichen Ort Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts von Varèse, Cardew, Birtwistle u .a


Ebenfalls am 12.12. gratuliert notabu Raimund Jülich mit einem Konzert in Ratingen zum 60. Geburtstag.

Im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden präsentiert am 16.12. das Martfeld-Quartett „das Streichquartett im 20. Jahrhundert“. Am 5.12. lädt Kowalds ort zur disco 2100. Im Ottenbrucher Bahnhof trifft Peter Brötzmann am 22.1. auf Gäste aus Peking und Shanghai.

Das Leipziger Streichquartett hat bei seinen Gastspielen im Rahmen der Bayer-Kulturveranstaltungen in Leverkusen (10.12.) und Krefeld (11.12.) Gubaidulinas 4. Streichquartett auf dem Programm.


Für das Theater Mönchengladbach wird Falk Hübner unter dem Titel Gestrandete Zukünftige Peter Maxwell Davies’ groteskes Musiktheaterwerk Miss Donnithorne’s Maggot neu aufbereiten und mit eigener und fremder Musik ergänzen (Premiere 12.12.)

Am 19.12. trifft im Musiktheater im Revier Monteverdis Lamenti über Liebe und Tod auf Morton Feldmans Neither.


Im Rahmen der vom Landesmusikrat geförderten Konzerte mit Werken von Komponistinnen aus NRW werden am 12.12. Khadija Zeynalova (Klangwerkstatt in Detmold) und Katrin Scherer (Bunker Ulmenwall in Bielefeld) porträtiert.



Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik.

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