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Das Leben ist ein Nebenjob


(c) Adam-LIconoclaste-Banal©
von Magdalena Taube

Hochsommer. Meine schweißnassen, druckerschwärze- verschmierten Hände umkrallen den Fahrradlenker. Ich bin 13 und aus der Puste. Noch zwei Straßen, dann bin ich fertig.

Die Luft ist so dünn wie die Meldungen im "Wochenspiegel", den ich an die Haushalte in Pritzwalks Norden verteile. Dann Wolkenbruch. Ich flüchte mich in einen Hauseingang in der Beethovenstraße, streife mir die klatschnassen Haare aus dem Gesicht und frage mich: "Wo bin ich hier nur hineingeraten?"

Zeitungsaustragen war mein erster Nebenjob, die erste Tätigkeit für die ich bezahlt wurde. Danach war ich Sommersekretärin im Baubüro, Verkäuferin in der Pritzwalker Tabakbörse und der Videothek Moviestar, Inventarisierungstussi, Call-Center-Agentin, Hilfskraft in der Bibliothek u.v.m.

Meine Nebenjobs wurden mit der Zeit besser: das heißt besser bezahlt und interessanter. Inzwischen spreche ich auch gar nicht mehr von Nebenjobs (die Präposition "neben" suggeriert, dass man sich nicht so viel Mühe gibt), sondern von meinen "Existenzen".

Für immer ohne Festanstellung

Die meisten Leute, mit denen ich 2003 Abitur machte, haben heute keine Festanstellung. B. zum Beispiel arbeitet freiberuflich bei einer Unternehmensberatung. Sie hofft, das "nicht ewig machen zu müssen". E. hat eine eigene Kneipe eröffnet und ist nach sechs Monaten Pleite gegangen. H. macht eine Ausbildung als Heilpfleger, für die er selbst bezahlen muss. Einzig C. hat einen "echten" Job beim Ordnungsamt. Neulich ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden.

Die Leute, die ich nach dem Abitur kennenlernte, sind vornehmlich im so genannten Kulturbetrieb (Betrieb!) tätig. Denen geht es eigentlich auch nicht anders. Nehmen wir F. - er ist totunglücklich, weil er seinen Job verloren hat. Und was war das für ein Job! Maloche als Fester Freier für ein Popkulturmagazin. Dann kommt plötzlich ein Investor, alles wird verschlankt, der Umzug verordnet, der Job gestrichen.

Bücher schreiben als Therapie

Zugegegeben: F. ist kein Freund von mir, sondern heißt eigentlich Förster und ist der Protagonist in "Spucke", dem Romandebüt von Ex-Spex Wolfgang Frömberg. Spucke ist - neben vielen anderen Dingen - eine Aufarbeitung von Frömbergs eigenen Erlebnissen bei der Spex, eine Art Selbsttherapie für den Gefeuerten.

Mit Spucke in der Hand, kann ich ohne Illusionen der Zukunft entgegen blicken. Ich weiß, dass sich meine Arbeitsexistenz hybrid gestalten wird und dass das, was ich gerade mache (im Moment sind es an die drei verschiedene Jobs), keine Übergangsphase ist, sondern das "echte Leben".

Ich bin ganz cool und habe keine Angst. Nur manchmal zwickt es ein bisschen, wenn ich mich in meiner Phantasie fünf Jahre in die Zukunft beame: Kann ich mir dann Kinder "leisten"? Urlaub machen? Und gesund bleiben? Nichts ist gewisser als die Ungewissheit.

Dieser Artikel erschien am 01.März in der Berliner Gazette
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