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ewigkeit.culture...
Elke Panke
Literatur
Liebesgeschichte "Geliebter Drache": rechts ewigkeit.culturbase.org anklicken!

NEU: Adventslesung "Himmelweit"
am 10. Dezember 2017
im Dorf-Café Friesen in Moers-Repelen,
Am Jungbornpark 232, 47445 Moers
Eintritt: 10 €

Frau Holle, der Sonnenblumenhut und
die Sehnsucht nach dem offenen Himmel

Eine dunkle, bizarr geformte Wolke schob sich an dem Strom langsam dahingleitender lichtweißer Wolken vorbei - direkt hinein in eine offene Lücke im Puderblau des Himmels und löste sich auf. Hoch oben, in einem Gestöber aus bauschigen Wattewölkchen, tauchte sie plötzlich neu modelliert wieder auf, zog mit Eile weiter und verschwand schließlich ihren Blicken.
Marlene schaute noch immer in den Mittagshimmel und spürte, wie sich eine schmerzliche Sehnsucht in ihr ausbreitete. Sie schluckte, blinzelte ihre Tränen weg und atmete tief durch. Dann schüttelte sie sich unmerklich, wandte ihren Blick ab und richtete ihn auf eine hochbetagte Dame in einem schwarzen Webpelzmantel und mit einem rosaroten Rosenfilzhut auf ihrem weißhaarigen Kopf. Die alte Dame hatte es sich auf einer Bank unter herbstlaubgefärbten Birken mit einem Butterbrot und Kaffee aus einer Thermosflasche bequem gemacht und beobachtete sie.
„Haben Sie Appetit auf ein leckeres Leberwurstbrot und heißen Kaffee?“, fragte die alte Dame lächelnd. Marlene lächelt zurück: „Ja, gerne!“
Die alte Dame schmunzelte: „Wenn das so ist, setzen Sie sich bitte an meine rechte Seite. Mit dem rechten Ohr höre ich nämlich besser.“
Marlene nickte ihr freundlich zu und setzte sich. „Danke!“ Sie biss herzhaft in das Leberwurstbutterbrot, das ihr die alte Dame gereicht hatte. „Hier, nehmen Sie.“ Die alte Dame hielt ihr einen Plastikbecher mit noch dampfendem Kaffee hin. Beide aßen schweigend ihre Butterbrote. Den letzten Bissen spülte Marlene mit einem Schlückchen Kaffee hinunter und seufzte wohlig: „Das tut richtig gut, und es ist viel schöner als in einem überfüllten Café!“
Die alte Dame nickte bedächtig und lächelte wieder: „Ich bin Frau Holle, Rose Holle. Wie ist Ihr Name, meine Liebe?“ Marlene lachte: „Nie im Leben hätte ich gedacht, einmal einer Frau Holle leibhaftig zu begegnen. Ich heiße Marlene.“
Frau Holle räusperte sich: „Wen haben Sie denn verloren, meine Liebe?“ Marlene verschluckte sich beinahe an dem inzwischen lauwarmen Kaffee. „Sieht man mir das an?“, fragte sie erstaunt und schniefte in ein Taschentuch, weil ihr die Nase lief.
Frau Holle nickte wieder: „Wer so voller Sehnsucht den Himmel beobachtet … ja, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich habe meine gesamte Familie verloren, damals 1942. Ich habe als Einzige das Lager überlebt, wissen Sie?! Und wenn ich heute noch immer so voller Sehnsucht in den Himmel schaue, denke ich an meine Kinder, meinen Mann und an meine Eltern. Mich bedrängten viele Jahre lang viele Fragen. Fragen nach dem Warum. Aber irgendwann öffnete sich der Himmel ein Stück weit für mich, und ich spürte plötzlich, dass ohne diese Sehnsucht in mir, die niemals verging, ich das Leiden, das Leben und auch die neue Liebe niemals so innig hätte spüren können.“
Marlene schniefte erneut in ihr Taschentuch, dieses Mal jedoch vor Rührung. „Sie liegen richtig mit Ihrer Vermutung. Auch ich habe enge Familienangehörige verloren. Es tut so weh. Manchmal wird dieser Schmerz unerträglich, und dann schaue ich in den Himmel …“.
Frau Holle streichelte Marlenes Wange. „Ich weiß, meine Liebe. Ich weiß. Wenn Sie in den Himmel blicken, dann ist dieses Aufwärtsschauen wie ein himmlischer Trost.. Ja, es ist die Hoffnung, die uns hilft zu überleben.“
Marlene nickte und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Manchmal fühle ich mich mutterseelenalleine und unsagbar verloren.“
Frau Holle lächelte, erhob jedoch mahnend ihren Zeigefinger: „Denken Sie immer, wenn Sie in den Himmel schauen, daran, dass die Suche nach dem unerreichbaren Glück sinnlos ist, und dass es in Wahrheit die Sehnsucht ist, die uns Menschen mit dem lieben Gott verbindet, eine Sehnsucht, die uns eines wunderschönen Tages erlösen wird.“
Sie griff in ihren mit Filzmargeriten verzierten Stoffbeutel und zauberte einen Sonnenblumenhut hervor: „Ich war damals eine der besten Modistinnen der Stadt, bevor …“. Frau Holle unterbrach sich selbst und schwieg eine Weile in Erinnerungen versunken. Dann fuhr sie fort: „Diesen Hut habe ich in liebevoller Handarbeit selbst gefertigt. Nehmen Sie ihn als Geschenk, Marlene, und tragen Sie ihn erhobenen Hauptes, und zwar bei Regenwetter!“
Marlene lachte, ergriff den Sonnenblumenhut mit beiden Händen und presste ihn an ihre Brust: „Von Herzen danke! Treffen wir uns im Sommer wieder, Frau Holle - hier auf dieser Bank?“
Frau Holle lächelte bedeutungsvoll: „Falls nicht, meine Liebe, schauen Sie in den Himmel, sehnen und hoffen Sie - und schenken Sie mir Ihr Lächeln!“

© Elke Panke
Über mich:

Geboren am 3.12.1957 in Moers (Kreis Wesel/Niederrhein). Erste Geschichten mit 12 Jahren, angeregt durch die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert. Früh zeigte sich mein Interesse an den unterschiedlichsten Weltanschauungen, aber erst im Jahre 2000 entfaltete sich mein Sinn für die Poesie des Lebens. Inzwischen habe ich über 600 Texte, Gedichte und Kurzgeschichten verfasst! Schreiben ist für mich nämlich mehr als eine Passion, es ist meine Profession. Mich inspirieren Menschen, ihre Gedanken, Gefühle, Geschichten sowie das alltägliche Leben, jedoch auch das Außergewöhnliche, das sich meist im vermeintlich Unscheinbaren offenbart. In meinen Büchern widme ich mich mit „Köpfchen und Biss“ den Ungereimtheiten und Unwegsamkeiten des alltäglichen Lebens, mit „Staunen und Herzblut“ natürlich auch seinen wundervollen Seiten. In meinen Gedichten, Texten und Geschichten darf sich der Leser/die Leserin verlieren und wiederfinden.
2002 Literaturpreis, Rheinberg
Veröffentlichungen in Zeitungen etc.
Interviews Bürgerfunk, Radio Kreis Wesel