"Roi Soleil" - Eine Reliquie der Erinnerung

von Heinrich Heidersberger, Mai 1986

Ein kleines Boot in einem fremdem Hafen ist kein sicheres Ziel für eine Postkarte. Die, die unsere Ankunft auf der "Tiki", dem Hausboot unseres norwegischen Freundes, des Kontiki-Fahrers Erik Hesselberg, im Golfe Juan anzeigen sollte, hatte es vielleicht verfehlt. Am Ende einer Reise, deren Anfang unsere Hochzeit im Atelier mit Jazzkeller in den Dunkelkammern gewesen war, klopften wir eines Nachts, müde von den kurvenreichen Pässen der Route Napoleon, unserer Sache nicht ganz sicher, an die Teakplanken der "Tiki".

In der "Vache Enragée" jedenfalls, dem kleinen Clubrestaurant am Hafen, konnte uns Robert, der Patron, überhaupt nicht sagen, ob Erik "au bord" wäre, oder auch vielleicht bei Béatrix in der "Musarde", die Lieder zur Gitarre singen würde, die er auf seinen Fahrten als malender Seemann dreimal um die Erdkugel gesammelt hatte und die in den 100 Tagen auf den Balsa-Stämmen der Kontiki von Peru bis nach Polynesien reichen mußten.

Als dann Eriks vollbartumrahmtes Gesicht in der Luke erschien, wußten wir erst, daß die "Tiki", die unser Freund Erik in vier Jahren langer Arbeit mit seinen Händen gebaut hatte, und nicht das Hotel über der "Vache" der Fixpunkt unseres "lune de miel" sein würde. So wurde sie das Quartier und die Startbasis für Fahrten und Besuche zu berühmten und kuriosen Menschen, grandiosen und merkwürdigen Orten, zu Béatrix mit ihrer bezaubernden Auberge, zu den Popovs in dem Schloß Castellaras, das ein Amerikaner für seine Geliebte als Konglomerat zwar aus echten Teilen, aber in nicht ganz stilgerechter Reihenfolge hatte zusammenbaumeistern lassen, zu einem Kunstinterview über die Rhythmogramme im Fernsehen in Monaco, zu einem bis zur Krawatte in Wildleder gekleideten Cocteau, zu George Simenon, zu Lin Yutang, in Ivans, einer als Wohnhaus eingerichteten Ölmühle.

Bald zum "dolce vita" in der Musarde und dann zum Tee bei einer Lordschaft, die wir nur dadurch kennengelernt hatten, weil sein Rolls Royce langsamer als irgendein Auto je zuvor durch die Keramikgesäumten Straßen von Vallauris gefahren war. Endlich brachte uns Erik auch zu jenem Prototyp, der jetzt in Frankreich überall an den Autostraßen wuchernden Antiquitätenhändler, dessen Karussellpferde, mechanische Puppen, wasserspeiende Jugendstiljungfrauen, Säulen und Olivenölkrüge und das gesamte "bric-a-brac" eines Supermarché aux Puces aus der Ladenfront auf die Route Nationale Nr. 7 zwischen dem Cap d'Antibes und Nice quillt und der sich schlicht "Roi Soleil" nennt.

Zwischen dem Strandgut des Surrealismus in diesem Selbstbedienungsladen des Spleens, wo einem ein schöner Negerknabe auf ein dreifaches Händeklatschen seines Roi Whisky serviert, ist dieses Bild entstanden, daß ich für mich selbst deshalb als mein liebstes bezeichnen möchte, weil darin die Fortsetzung jener Nacht enthalten ist, in der wir voll Ungewißheit von einem schmalen Bootssteg aus dem rotierenden Lichtfächer des Leuchtturmes von Cap D`Antibes die Buchstaben "TIKI" lasen. In ihm ist Cocteau, der zu den Kunden und Freunden des Hauses zählte, das Modell zu Picassos Taube, der azurblaue Himmel, Geist, Anmut, aber auch die Ironie, die die Würze dieses Landstriches ausmachend uns lockt.

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