Rüdiger Jung: "Windsaat", Haiku/Senryu/Dreizeiler aus den Jahren 1981 bis 2002, Verlag GRAPHIKUM Dr. Mock Nachf. A. H. Kurz 2003, ISBN 388996 4648.
Lieber, sehr verehrter Herr Jung,
wunderbar schöne und originelle Haiku sind in Ihrem neuen Pocket Print versammelt! Und man bekommt Lust, dem Nächstbesten, der greifbar ist, daraus zu zitieren: "Sommernachmittag./Ein Angler sitzt am Ufer./Die Stille beißt an." Oder: "Ärmliche Kate/auf der nächtlichen Heide./Warmer Duft des Viehs." U.v.a. Ihr Buch ist für mich in vielen Textbeispielen ein Beleg für die verführende Kraft der Literatur, die auch darin besteht, von der gewohnten (üblichen) Perspektive zu einer neuen Sicht zu gelangen ("Ein Alpinist steigt/auf meine Fingerkuppe:/Marienkäfer."). Darüber hinaus treten Ihre Haiku/Senryu den Beweis an, dass auch diese Formen Heiteres überzeugend transportieren können, dass auch Menschenerfahrung zum Gesehenen, Erlebten auf eigenwillige dichterische Weise in Bezug gesetzt werden kann, denn auch, wenn viele Haikudichter "nur" das Naturbild für sich sprechen lassen möchten - es ist doch letztendlich in der dichterisch gestalteten Form immer Produkt ihrer durch Sinne und Gedanken verarbeiteten Eindrücke. Es scheint dann nur so, als ob der Autor nicht in Erscheinung träte. Aber auch diese Kunst der "Zurücknahme" ist in der "Windsaat" vielfach auf schöne Weise "demonstriert" ("Die kleine Spinne -/nur vom seidenen Faden/wird sie gehalten."). Überdies glaube ich, dass zwischen Ihren Haiku und denen der japanischen Tradition gar kein Gegensatz besteht. Viele der dort vorhandenen Motive sind aufgenommen und durch Ihre dichterische Unverwechselbarkeit und die Notwendigkeit, eine dem Leser der Gegenwart angemessene Sprache und Ausdrucksform zu bieten verarbeitet und weitergeführt (Mücke, Frosch, Rabe, Ameise, Grille, Schnecke, Ahorn, Nebel usw.) Wie sehr Sie, lieber Herr Jung, das manchmal als unumstößlich deklarierte bisherige Regelwerk mit Ihrer Kunst in Frage stellen oder erweitern (nach dem man u.a. keinesfalls drei Sätze ohne Staupause usw. untereinander setzen darf) zeigt mir dieses Haiku: "Ein Sonntagabend./Weite Felder im Nebel./Leere Bahnhöfe." Und natürlich "darf" man nach herkömmlicher Auffassung auch einen einzigen, sich über drei Zeilen erstreckenden Satz nicht zum Haiku erklären. Was aber ist’s dann, wenn es so sehr vom Bild und dem, was sich beim Lesen in uns öffnet, überzeugt? "Das Fensterglas steckt/ein winziges Kerzenlicht/in den kahlen Baum." In der Zeitschrift der DHG geht es ja z. Zt. erneut um die Kriterien für ein gutes deutschsprachiges Haiku, und man ist bemüht, es vom Aphorismus und vom Epigramm strikt abzugrenzen. Das mag dem Erkennen der formalen und inhaltlichen Wesenseigenschaften gelungener Haiku sehr dienlich sein, und ich begrüße ja auch solche Diskussionen, obwohl, wie ich hörte, einige dies als nicht zumutbare Verunsicherung abweisen, weil angeblich zu viel und zu unterschiedlich diskutiert werde. Texte jedoch, die ich nach den traditionellen Haikuregeln nicht eindeutig einordnen kann (z. B. ohne Bezug auf eine Jahreszeit), summiere ich für mich persönlich einfach unter Senryu. Eine andere Schublade benötige ich da nicht; entscheidend ist für mich, ob ein origineller Einfall, ein neues überraschendes Bild und/oder eine noch nicht da gewesene Sicht übermittelt wird. Und Experimente bei der Aneignung einer neuen Form sind doch unerlässlich, um nicht epigonenhaft einfach bloß die viel besseren Originale nachzuahmen. Um wie vieles ärmer wäre die deutsche Haikudichtung, würden wir die vielen Kurzgedichte, die wie das folgende nicht eindeutig dem von manchem erhofften, für alle Zeit gültigen Haiku- oder Senryunormkatalog entsprechen, einfach aussondern oder als minderwertig betrachten: "Beim Anblick eines/Gänsemarschs dem Deserteur/laut zugejubelt." Auch wenn dieser Text manchem Haikufreund haikufremd erscheinen mag, ich sehe hier ebenfalls eine weit bis zu Basho zurückreichende aufgenommene Traditionslinie, denkt man nur an sein Gedicht vom Sommergras, das das einstige Schlachtfeld und die Gebeine der toten Krieger deckt. Um noch ein zweites Beispiel zu geben, bei dem mir nun Issas Achtsamkeit in den Sinn kommt, sei das folgende Gedicht angeführt: "Igel, du bist schuld -/auch wenn du noch so tot bist./Ich hatte Vorfahrt." Der Unterschied zu Issas Achtsamkeit ist ja nur der, dass er nicht die Rolle des bedenkenlosen Naturzerstörers annahm, um Sensibilisierung und Mitgefühl für alle Mitgeschöpfe zu wecken, obwohl auch er schon um das Zerstörerische wusste, das aus dem achtlosen Auftreten des Menschen folgt. Viel Witz und Doppeldeutigkeit haben Sie der Sprache, den in Natur, Alltag und Kunst erlebten und erfahrenen Momenten abgewonnen. Das zeigt mir, dass Haiku nach dem Augenblick der Inspiration und der ersten Niederschrift zumeist bewusster literarischer Arbeit bedürfen, um als gültige, überzeugende Gedichte bestehen zu können. Wie oft - ich beobachte dies an mir selbst - gibt man sich mit dem ersten Einfall und seiner ersten schriftlichen Fixierung zufrieden. Abschließend möchte ich noch meine Freude darüber mitteilen, dass in Ihrem Buch auch zwei Kurzgedichte in "memoriam Carl Heinz Kurz" zu finden sind. Auch ich hatte das Glück, diesen großen Beförderer deutscher Haikudichtung noch kennen lernen und seine freundschaftliche Verbundenheit spüren zu dürfen. Dank dafür wie für den Gewinn, den ich beim Lesen hatte und habe und der mehr umfasst als der, den ich in der begrenzten Form eines Briefes mitteilen kann. Mit allen guten Wünschen für Sie grüßt herzlich Ihr
Reiner Bonack
PS: Und sehen Sie mir bitte nach, dass ich als Raucher das Senryu vom Zigarettenrauch ("Zigarettenrauch./Der Geschmack von Freiheit wirkt/atemberaubend.") nicht so mag.