Erika Wübbena (Hrsg.): Haiku mit Köpfchen. Anthologie zum 1. Deutschen Internet Haiku-Wettbewerb. Mit einer Einführung des Japanologen Prof. Ekkehard May. Hamburger Haiku Verlag 2003. ISBN 3-937257-04-7. 127 S. Preis: 9,80 E (Hamburger Haiku Verlag, Postfach 202548, 20218 Hamburg)
Der Hamburger Haiku Verlag hat seit seiner Gründung vor zwei Jahren sein Hauptaugenmerk auf die Möglichkeiten des Internets gesetzt, sowohl im Bereich der Eigendarstellung als auch im Bezug auf die Arbeit am und mit dem Haiku. Näheres dazu findet der Interessent unter www.haiku.de 
Im Rahmen seiner Programme und Darstellungen hat er im Frühjahr dieses Jahres den ersten Deutschen Haiku-Wettbewerb per Internet ausgeschrieben. Grundlage der Teilnahmebedingungen war die klassische Form von 5-7-5 Silben, und der Natur- und Jahreszeitenbezug. Das reichhaltige Echo, es wurden 839 Haiku zur Begutachtung und Auswertung eingeschickt, zeigen das große Interesse an der Haiku-Dichtung und das weitverbreitete Bedürfnis, sich in dieser Gedichtform auszudrücken und öffentlich darzustellen. Dass die Verlegerin Erika Wübbena und der Autor Stefan Wolfschütz auch den Japanologen Professor Ekkehard May für die aufwendige Jury-Arbeit gewinnen konnten, ist ein großer Glücksfall. 
Die Auswahl der Texte als erster, zweiter und dritter Preis und der weiteren 74 beachtenswerten Haiku lässt die professionelle Begutachtung erspüren. Besonders wichtig und hilfreich aber ist das ausführliche Essay von Professor May „Wandlungen und Möglichkeiten einer Form“ mit dem Untertitel ‚Erfahrungen eines Japanologen mit dem deutschen Haiku‘. An Beispielen der Japanischen Haiku-Dichterin Kaga no Chiyo (1703-1775) erläutert und begründet der Autor die Inhalte und Aussagen der zur Auswahl gelangten deutschen Haiku. 
Wie grundlegend und für jeden Haiku-Dichter ausschlaggebend die Ausführungen sind, möchte ich in einem Zitat aufzeigen (S. 12): „Die wichtigsten Kriterien für das Haiku sind neben der Silbenzahl der Jahreszeitenbezug (die Jahreszeitenwörter oder kigo, bzw. Jahreszeitenthemen, kidai ) und eine Art von Zäsur, die dem Vorhandensein eines sog. kireji („Trennungswort“) im japanischen Original entspricht. Auch der ... yoin, der „Nachklang“, der meist durch geschickte Setzung, Gegenüberstellung des poetischen Materials entsteht, entstehen kann, wird im Japanischen besonders geschätzt, ist aber nicht mit speziellen Formalien erfüllbar. Andreas Wittbrodt geht in seinem jüngst erschienenen, sehr lesenswerten Aufsatz „‚Das blaue Glühen des Rittersporns‘ Die Gründungsphase der deutschsprachigen Haiku-Literatur (1953 – 1962)“, veröffentlicht in der Vierteljahresschrift der DHG, Nr. 61, Juni 2003, so weit, dieses auch in den westlichen Versen zu entdecken (und im Prinzip auch zu fordern)“. 
Dieser Aufsatz kann uns Haiku-Dichtern spürbar helfen, uns zurück zu besinnen auf den Ursprung der literarischen Form und Inhalte und uns anleiten, sorgfältiger und überlegter mit ihnen umzugehen. Den Mut dazu verwehrt uns Ekkehard May nicht, sagt er doch S. 20: „Die Gedichte des Wettbewerbs haben mir gezeigt, welches Potential, welche fast unbegrenzten Möglichkeiten einer Haiku-Dichtung bei uns, selbst bei strenger Observanz aller Regeln, gegeben sind. Die Vielfalt, die Buntheit der Bilder und ihrer poetisch-lautlichen Realisierung ist überzeugend und verspricht vieles für weitere Entwicklungen. Für mich war es überraschend zu sehen, wie ähnlich z.T. die Umsetzungen von Bildern in lautlich-formale Gebilde im klassischen Haiku und bei uns sein können.“
Für diese Beurteilung deutscher Haiku bin ich Professor May besonders dankbar, zeigt sie doch, dass die jahrelange Arbeit der DHG und aller am Haiku interessierten Dichter und Denker nicht umsonst waren. 
Der erste Preis des Wettbewerbs wurde Gerhard Habarta zugesprochen. Sein Mundart-Haiku verwendet ein inhaltlich bekanntes Bild, deutet es jedoch durch den Sprachstil weitaus humorvoller, als andere Beispiele.
In mein Briefkastl
hat a klane Meisn a Nest.
Schreib ma liaba net.
 
„Der Träger des 2. Preises, Johannes Ahne, hat mit seinem Vers genau das verwirklicht, was in den besten japanischen Versen mit bewusster klanglicher Gestaltung festzustellen ist, nämlich mit der Wortsubstanz des ausgewählten Vokabulars akustische Vorstellungen hervorzurufen“ (May S. 13).
Das Rascheln –scheln –scheln
im reifen Getreidefeld,
der Wind machts –ts-ts.
 
Das Gedicht von Christine Gradl erhielt den 3. Preis:
Blechkarawanen
weisen den Weg nach Süden
für die Zugvögel
 
Die 4.- 6. und die 7. – 10. Preise werden noch als solche ausgewiesen. Alle übrigen der im Ganzen 77 ausgewählten Dreizeiler sind im Folgenden S. 29 bis 125 nach Jahreszeiten geordnet. Jeder Jahreszeit ist ein Haiku von Chiyo vorangesetzt, mit japanischer Übersetzung und mit einer kurzen Erläuterung von Ekkehard May. 
Ein Schwarz-Weiß-Foto gibt die Einstimmung, es ist immer das gleiche Motiv, ein mit Gras und Efeu überwuchertes Wegufer mit den Spitzen einiger schwankender Schilfhalmen im Vordergrund. Dieses Motiv variiert in Schärfe und Belichtung und deutet so Ergrünen, Welken und Vergehen – der Jahreszeit entsprechend - an. Alle Gedichte stehen einzeln auf der Seitenmitte, das Papier, matt chamois wirkt edel. Das Buch ist als Paperback in schwarzem Glanzkarton gebunden und das Titelfoto, ein Grasbüschel mit unterschiedlich hohen Knospenköpfchen, erlaubt eine weitestgehende Assoziation mit dem Titel „Haiku mit Köpfchen“. Jedem Buch ist ein Lesezeichen Nr. 1 beigegeben. Es präsentiert auf der Vorderseite unter dem japanischen Zeichen für „Haiku“ das Zikadenhaiku von Bashô in Deutsch und Japanisch. Auf der Rückseite gibt es eine kurze Erläuterung zum Haiku. Diese und die Übersetzung des Bashô-Haikus besorgte Professor Ekkehard May. 
(Der Verlag bietet weitere vier Lesezeichen, in jeweils zu einer Jahreszeit passenden Farbe mit den Jahreszeiten-Namen, auch in Schriftzeichen, und einem Jahreszeiten-Haiku von Kaga no Chiyo an. Die Rückseite ist auf allen gleich. Ein Set mit fünf Lesezeichen kann beim Haiku-Verlag bestellt werden und kostet 6,50 Euro.)
Neben dem Abdruck eines Buches mit Haiku des 1. Preisträgers, gesponsert von der Firma Books on Demand GmbH erhalten die ersten drei Preisträger ein zu dem Inhalt ihres Gedichtes passend gestaltetes Schmuckköpfchen, gestiftet von Wolf-Dieter Schwarz, Inhaber des Ehinger-Schwarz Schmuckateliers in Frankfurt, in dessen Räumen auch in Verbindung mit der Buchmesse die Verleihung erfolgt.
Alles zusammen ist eine runde Sache, mit viel Mühe und professionell ausgestattet: Der Wettbewerb, das Buch, sein Inhalt, seine äußere Erscheinung, die Preise und deren Verleihung. Allen Gewinnern gratulierend wünsche ich dem Verlag viel Erfolg und weitere so glückliche Ideen für Bücher zur Förderung und Präsentation guter Haiku.
Margret Buerschaper