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Haiku in Deutschland
 
 
Haiku ist in der deutschen Dichtung so fremd wie wohl in allen nichtjapanischen Kulturen. Wenn mich Leute fragen, was denn nun ein Haiku sei und ich eines zitiere, sagen die meisten spontan: wie, und das ist alles? Haiku hat so wenig von dem, was ein Deutscher für ein Gedicht hält: es reimt sich nicht, hat keinen feste Abfolge von betonten und unbetonten Silben, die Sprache ist nicht unbedingt dichterisch, es fehlt der große Gestus und von Stimmung ist selten die Rede. Metafern sucht man vergeblich und vor allem: Haiku erklären selten die Welt. Das sind wir von unseren Dichtern gewohnt, das gehört sich schon für ein Gedicht. Und hier liegt auch eine der größten Fallen für deutsche Haikudichter: ganz oft finden wir das Schema, dass in den ersten zwei Zeilen etwas beschrieben und in der dritten dann erklärt, interpretiert, zusammengefasst, belehrt wird. Weil das Haiku so kurz ist, liegt es nahe, an etwas in der deutschen Literatur sehr Bekanntem anzuknüpfen: am Aphorismus. Viele, viele deutsche Haiku stehen in dieser Tradition des Interpretierens, Erklärens. Nur zu beschreiben ohne eigene Stellungnahme reicht vielen deutschen Haikudichtern nicht.
Den Weg nach Deutschland hat das Haiku vor gut hundert Jahren über den französischen Japonismus gefunden. Es blieb bei einigen wenigen Versuchen in den 20er und 30er Jahren, unter anderem von dem sehr bekannten Dichter Rainer Maria Rilke. Im Jahr 1962 veröffentliche Imma von Bodmershof, eine Österreicherin, das Buch „Haiku", und sie kann man als die erste wirklich deutschsprachige Haiku-Dichterin bezeichnen. Sie hielt sich in ihren späteren Veröffentlichungen streng an das 5-7-5-Muster, das sie fast religiös überhöhte. Und so kommt es, dass die siebzehn Silben bei den Deutschen, Österreichern und Schweizern sehr, sehr wichtig genommen wurden und immer noch werden. In der DHG war es lange Zeit undenkbar, dass ein Text mit weniger als 17 Silben als Haiku durchging. Genauso wie streng nach der Jahreszeit, ja meist sogar nach dem Naturbezug gesucht wurde. Denn das Haiku wurde als Naturgedicht klassifiziert. Texte, die diesen strengen Kriterien nicht entsprachen wurden oft herablassend als Senryu eingestuft. In der DHG gibt es sehr viele Mitglieder, die diese Kriterien für wichtig erachten. So ganz langsam fallen meine ständigen Hinweise, dass oft weniger Silben ein besseres Haiku machen, auf fruchtbaren Boden. Die Phase des Experimentierens, was man mit Haiku auf deutsch alles machen kann, hat gerade erst begonnen.
Im literarischen Leben im deutschen Sprachraum hat das Haiku noch eine klare Außenseiterposition.
Publiziert werden Haiku in der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, wobei wir hier noch nicht den richtigen Weg der Auswahl gefunden haben. Im Augenblick werden alle von Mitgliedern eingesandten Texte (max. drei pro Person) gedruckt. Mit diesem Verfahren sind wir nicht zufrieden, es gibt aber eine große Scheu, auszuwählen, weil die Qualitätsstandards nicht einheitlich sind.
Das Internet spielt leider für die Mehrheit der DHG-Mitglieder keine Rolle, die Seite der Gesellschaft besuchen mehr Interessenten von außen als die eigenen Mitglieder. Neben der DHG-Webseite gibt es noch die Seite des Hamburger Haiku-Verlags, wo auch workshops angeboten werden und die Seite Haiku-heute, die für die experimentelle Richtung des Haiku steht. David Cobb hat in seiner Rede auf diese Arbeit hingewiesen.
Es gab einen Verlag, den Graphikum-Verlag in Göttingen, der schon in den 80er Jahren Haiku und Tanka veröffentlichte. Leider hat die Inhaberin die Publikationstätigkeit beendet. Jetzt gibt es den Hamburger Haiku-Verlag und daneben eine ganze Reihe anderer kleiner Verlage, die Haiku herausbringen.
Wichtig für die lebendige Arbeit der DHG sind ihre Regionalgruppen in Halle/Magdeburg, Frankfurt, Ahlen, Köln und in Österreich.
2004 organisierte der Hamburger Haiku-Verlag einen Wettbewerb in den Kategorien „Traditionell", d.h. 5-7-5 Silben und Jahreszeitenbezug und „freier Stil".
 
Folgende Haiku erhielten die ersten sechs Preise:
 
„Traditionell"
 
Schatz im Gartenteich –
in der Perlenschnur versteckt
die Krötenkinder.
Monika Hermann
 
Auf langen Stelzen
eilt mein Schatten übers Feld -
Dezembersonne.
Winfried Benkel
 
Glänzende Äuglein
zwischen den Blättern des Baums –
weg ist die Kirsche!
Susanne Kruse
 
Das Wetter hat die
Nebelbänke hingestellt.
Der Kirchturm sitzt darauf.
Annerose Kellner
 
Brütende Hitze
beim Arzt warten geduldig
zwei Regenschirme
Ruth Franke
 
Keine Angst, Käfer.
Ich lass dir den Vortritt
Dein Weg ist länger.
Ernst Ferstl
 
Freier Stil
 
Allein –
ihre Winterdecke
noch über meine
Jörg Rakowski
 
Überfüllter Zug.
Auf die beschlagene Scheibe
malt sie ein Herz.
Udo Wenzel
 
Im Streichelzoo
ein Teich mit Fröschen
soll ich wirklich...
Roswitha Erler
 
Im Treppenhaus...
dein Lächeln
ist schon oben
Gerd Börner
 
Straßenfest –
wie es lacht, das Kind
mit der Glatze
Gerd Börner
 
Aprilschauer –
im Flur des Arbeitsamts
herrscht Schweigen
Jochen Hahn-Klimroth