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Das Haiku in Frankreich
Jean Antonini, Georges Friedenkraft
 
In Frankreich werden seit 1903 Haiku geschrieben. Die erste Veröffentlichung von Paul-Louis Couchoud und einigen seiner Freunde, Au fil de l’eau (Am Wasserlauf) kam in jenem Jahr heraus. Zwischen den Kriegen wurde mehr veröffentlicht (2 Anthologien, eine Reihe Autoren, die bedeutendsten waren Couchoud and Vocance). Zwischen 1945 und 1975 wurden keine französischen Dreizeiler geschrieben, es ging erst wieder – angeregt durch die amerikanischen und englischen Beatniks (J. Kerouac, K. White) -  von 1980 bis 2000: Blanche, Kervern, Friedenkraft, Courtaud, Antonini. Nach 2000 vervielfältigten sich die, auch frankophonen, Veröffentlichungen, (Duhaime, Tomé). 2003 wurde die französiche Haiku-Gesellschaftthe gegründet (von Chipot, Py und Chevignard).
Von den Herausgebern, die die Geschichte der französischen Literatur schreiben, wird die Geschichte des Haiku in Frankreich vernachlässigt.. Der Pariser Verlag Gallimard hat zwischen 1903 und 2003 eine Ausgabe der französichen Haiku von 1920 aufgelegt und kürzlich (2002) eine Anthologie, allerdings mit japanischen Gedichten von Bahso bis heute.
Die Anthologie des Haiku in Frankreich (J. Antonini, Aleas, Lyon 2003) stellt 80 Autoren und 800 Gedichte auf französisch und englisch vor. Über französische Stilmittel in französischen Haiku sagt Georges Friedenkraft: Soweit es den Stil betrifft, sind fast alle französischen Haiku dreizeilig, aber oft mit typisch französichen „Zusätzen“, was ihnen eine „französische Anmutung“ gibt (alle Beispiele aus der „Anthologie des Haiku in Frankreich).
 
Viele Haiku in französischer Sprache befolgen die klassische 5-7-5 Silbenzahl, wie in diesem Beispiel :
 
 
Rateau délaissé (5 Silben)
sursis pour les feuilles rousses (7 Silben)
automne en suspens (5 Silben) (Anick Baulard)
 
Vergessener Rechen
     Bewährung für die roten Blätter
     Herbst wartet noch  (Anick Baulard)
 
Aber weil französisch keine stark akzentuierende Sprache ist, werden oft Techniken verwendet, die den Rhythmus verstärken, zum Beispiel Sätze in bedeutungsvolle Wörter aufzuteilen:
 
Qu’était ce poème ?
Mots ? Jambes ? Petite pierre ? Oubli ?
Mon corps d’automne (Jean Antonini)
 
Was war dieses Gedicht ?
Wörter ? Beine? Kiesel ? Vergessen ?
Mein herbstlicher Körper (Jean Antonini)
 
Oder einfach indem Verse verkürzt werden:
                        La nuit
                        peu à peu
                        se détache de nous (Alain Kervern)
 
                       Nach und nach
                        die Nacht
                        weicht von uns (Alain Kervern)
 
                        deuxième tiers
                        à côté des ciseaux
                        démangeaisons (Dominique Chipot)
 
                        Steuerformular          
                        Neben der Schere
                        Jucken (Dominique Chipot)
 
Auch Stabreime werden oft verwendet:
                       
Le chapeau qui pleut
de l’ombre sur tes seins blancs :
un désir s’envole (Jean-Pierre Hanniet)
 
Der Hut der Schatten
Auf deine weißen Brüste wirft :
Ein Begehren verflliegt (Jean-Pierre Hanniet)
 
Auch dezente Reime sind möglich:
                       
Sur la petite
route du cimetière
le soleil – mon père (Danier Py)
 
Auf der kleinen
Straße zum Friedhof
Die Sonne . mein Vater (Daniel Py)
 
Schließlich bietet der Mix semantischer Einheiten eine Möglichkeit, dem Haiku einen „französischen touch“ zu geben. Im folgenden Gedicht ändert sich die Aussage am Ende eines jeden Verses. Nach dem ersten denkt man an eine Frau, nach dem zweiten an eine Blume und erst nach dem letzten Vers wird der wirkliche Inhalt des Gedichts, die anbrechende Morgendämmerung klar:
                       
L’absente de tout
bouquet la voilà me dit
en se montrant l’aube (Jean Monod)
 
Die Abwesende
in jedem Blumenstrauß hier ist sie
zeigt sich im Morgendämmern (Jean Monod)
 
In der Anthology of Haiku in France, werden auf  die Frage  “Warum habe ich mich für Haiku entschieden?” ganz unterschiedliche Antworten gegeben. Die meisten sind eher existenzieller als literarischer Natur. Es wird über Augenblicke im Leben, der Haltung zur Welt, dem Reiz der Vergänglichkeit gesprochen. Diese Begeisterung für das Beobachten geht bis zur Weigerung, am Schreibtisch zu sitzen. Einige sagen, man könne überall Haiku schreiben, und das passt gut zum schnellen Rhythmus des modernen Lebens. Auch die Vorstellung von Kraft, von Totalität wird mit dem Kurzgedicht verbunden: Alles in drei Zeilen gesagt. Man bekommt die Welt zu fassen. Einige schlagen ein Experiment vor, eine asketische Praxis: Den Geist wie einen Spiegel mit Haiku blank zu reiben um Befreiung, Weisheit zu erlangen.
Aus literarischer Sicht spricht man von Polysemie: viel mit wenigen Worten sagen. Bis ans Ende der Sprache zu gehen. Jemand hält das Haiku als Sprache der Nicht-Sprache. Daher kommt die schöne Definition: Haiku ist wie eine Blume, die aus dem Nichts wächst.  Dieses Schreiben ist das Gegenteil von arglosem Realismus.
Schließlich möchte ich betonen, dass die Gründung der Französischen Haikugesellschaft eine soziale Bewegung ausdrückt, die in der französischen Literaturszene ungewohnt ist. Um die Zeitschrift Gong, von Dominique Chipot herausgegeben und die Internetseite afhaiku.org, die von Serge Tomé und einigen Dichtern der Gruppe betreut wird, entwickelt sich einiges an Austausch: Wettbewerbe, Ausstellungen, Treffen und Bücher. Die Französischen Haikugesellschaft  plant im nächsten Jahr die Herausgabe einer europäischen Haiku-Anthologie.
 
Übersetzung: Martin Berner