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David Cobb
 
Prozess und Produkt: Aussichten für das europäische Haiku
 
Eröffnungsrede für den Ersten Europäischen Haiku-Kongress Bad Nauheim, Deutschland, am 13. Mai 2005
 
Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren, liebe Haikufreunde und Gäste aus sechzehn verschiedenen europäischen Ländern, Pilger, die auf dem Haikuwege mitmarschieren.
 
Ich begrüße Sie herzlichst.
 
Mit Verdienst hat es wenig zu tun, es ist eher mein Glück, dass ich ausgesucht wurde, um diese Eröffnungsrede zu halten, und dafür bin ich unseren deutschen Gastgebern äußerst dankbar.
 
Es ist eine ziemlich wichtige Gelegenheit, wenn so viele Europäer, die sich in Sachen Haiku ausgezeichnet haben, unter einem Dach zusammenkommen. Auf der Tagungsordnung sollten Optimismus, Enthusiasmus und Glückwünsche stehen, und sicherlich erwarten Sie von mir keine Stimmungsdämpfer. Insofern wäre es am besten, höfliche Bemerkungen und Allgemeinplätze aneinander zu reihen um den Eindruck zu erwecken, das Haiku erfülle seine künstlerische Mission vollkommen in dieser besten aller möglichen Welten. Aber mir stand der Sinn nach anderem und ich hoffe, Sie sehen es mir nach, wenn ich einige kontrovers erscheinende Punkte anspreche, denen zu folgen vielleicht ein wenig unbequem ist. Lassen wir uns gleich am Anfang zum Nachdenken über einige ernste Angelegenheiten anregen, anstatt uns in Selbstzufriedenheit zu ergehen.
 
Ich beginne mit etwas ziemlich weit Zurückliegendem, dem Buch Genesis, in dem wir lesen können:
 
Gott sah den Turm zu Babel, den die Menschen gebaut hatten und sagte, lasst uns ihre Sprache verwirren, auf dass keiner des anderen Rede verstehe; und er zerstreute sie von hier über das ganze Antlitz der Erde.
 
Wir hören manchmal Behauptungen wie: das Haiku sei eine Universalsprache allgemein geteilter Gefühle und Leidenschaften und in geringerem Ausmaß auch universeller Bilder, welche es befähigen, die Babylonische Sprachverwirrung aufzuheben. Und weiter spricht man dann von der therapeutischen Rolle, die das Haiku spielen und der Menschheit ermöglichen wird eine heilsame Philosophie zu entwickeln, die Harmoniestreben, Achtung vor der Natur und eine demütige Sicht der Bedeutung des Menschen im großen Zusammenhang der Dinge vereint. Vor allem sollen Haiku unsere Fähigkeiten zu beobachten und wahrzunehmen schärfen.
 
Aber ist die Idee von Haiku als Therapie nicht Missbrauch von Kunst und eine Verdrehung der Rolle der Poesie? Wirft das nicht Fragen auf, welche die europäischen Dichter über Jahrhunderte beschäftigt haben? Fragen wie: kann Dichtung einen Zweck verfolgen, ohne ihre Integrität zu verlieren? Sollte Dichtung nicht vielmehr belanglos sein und einfach reizvolle Worte liefern, unsere Erfahrungen vertiefen und unsere Erinnerungen denkwürdiger machen? Und welches Geschäft betreiben Poeten, die über Harmonie phantasieren, während in der Welt um sie herum die Disharmonie alle Schlagzeilen beherrscht? Wenn Haiku-Dichter die hässlicheren und schmerzvolleren Aspekte des realen Lebens ignorieren, werden ihre Gedichte dann nicht irrelevant?
 
Lassen Sie sich nicht durch diese heftigen und oberflächlich negativen Fragen in die Irre führen. Ich hege keinen Zweifel an der Fähigkeit des Haiku, eine gemeinsame Basis von poetisch gesonnenen Menschen über Sprachen und Kulturen hinweg zu entwickeln, ich möchte bloß dass wir nüchtern sehen, was wir erreichen können. Durch Haiku können wir vielleicht nur das Herz von einem unter hundert Menschen berühren, das was den Japanern gelungen ist; aber es ist doch immer wieder eine Anstrengung wert. Andere leisten ihren Beitrag zur weltweiten Verständigung auf andere Weise – durch Musik, Kunst, Drama, Tanz, oder durch Politik, Handel, Hilfe usw. Einfachheit gilt als eine Eigenschaft des Haiku, also lassen Sie uns bescheiden bleiben – auch in unseren großen Entwürfen!
 
Ich werde jetzt über die bescheidenen Beiträge sprechen, die das Haiku leisten kann, und zwar unter den Überschriften Prozess und Produkt. Wenn Sie meinen, dass diese Ausdrücke besser zu Gemüse in Dosen passen, tut mir das leid, aber ich finde keine treffenderen Wörter für das fertige Werk auf der einen Seite und alle sozialen Interaktionen, die zu seiner Entstehung beitragen. In gewisser Hinsicht sind natürlich Prozess und Produkt nicht zu trennen. Für manche ist der Prozess alles; wir können ihn sogar für das Produkt halten. Manche verbringen viel Zeit damit, den Prozess des Haikudichtens zu genießen und dabei spirituell erhaben zu sein und haben am Ende kein einziges Haiku vorzuweisen, das von diesem Bemühen etwas zeigt. Wer würde verneinen, dass das wertvoll ist? Ich nicht. Gleichzeitig möchte ich später fragen, ob wir die Balance zwischen Prozess und Produkt gut hinbekommen.
 
Beginnen möchte ich mit der Bewertung des Produktes wie es jetzt erscheint, wobei ich mich auf eine Studie des walisischen Haiku-Dichters Ken Jones beziehe[1]. Jones ist zwar überzeugter Buddhist, ich glaube aber nicht, dass dies eine Rolle spielt, wenn er zu dem Schluss gelangt, dass die gegenwärtig in britischen und amerikanischen Magazinen veröffentlichten Haiku vier Kategorien zuzuordnen sind. Die erste dieser Kategorien besteht aus (ich zitiere):
 
„Existenziell befreiende Haiku ... die eine starke, aber offene Resonanz hervorrufen, einen Funken an Offenbarung oder eine lebendig gefühlte Einsicht.“
 
Einfacher gesagt wäre ein „existentiell befreiendes“ Haiku eines, das die Kraft hat, uns einige wesentliche Aspekte des Daseins zu enthüllen. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Haiku das, wie Bashō meint, „alle Dinge so annimmt, wie sie sind.“
Jones hält dieses Haiku von Buson für „existentiell befreiend“:
 
das ist alles was ist
der Pfad bricht ab
am Petersilienbeet
 
Die Haiku der zweiten Kategorie bestehen aus einfachem Bildwerk. Diese Haiku beschreiben die Dinge so wie sie sind, durchdringen jedoch nicht die Oberflächenerscheinungen hin zu einer tieferen Realität. Dies ist die Art von Haiku die Masaoka Shiki im späten neunzehnten Jahrhundert dem dichtenden Anfänger empfahl. Die schwächsten Haiku dieser Art kann man kaum von Naturbeschreibungen unterscheiden. In einem Vogelbeobachtungsbuch könnte man zu Beispiel folgendes lesen:
 
Klare Oktobernächte sind ideal für Vogelzüge und man kann den hohen Ruf der Rotdrossel aus der Dunkelheit hören.
 
Daraus kann man leicht eine Art Haiku machen
 
                        Oktobernacht –
                        vom klaren Himmel
                        Rotdrosselrufe
 
Sparsamer Wortgebrauch und Direktheit machen dieses Haiku ein wenig aussagekräftiger und einprägsamer, aber im Wesentlichen ist es eine Naturbeschreibung.
 
Wir erhalten ein stärkeres Gedicht, wenn wir noch ein Bild dazu bringen – im Idealfall eines, das irgendwie mit dem Vogelflug korrespondiert und gleichzeitig auf ein Gefühl verweist, das ein Mensch in einer solchen Nacht haben kann. Ich füge nun diesem Gedicht im Entwicklungsstadium Schlafzimmervorhänge bei, eine weiche Grenze zwischen der Erregung in der Naturwelt draußen und der Erregung der Person, die wach im Bett liegt:
 
                        Vorhänge flattern –
                        aus der Dunkelheit Schreie
                        von Zugvögeln
 
Das, glaube ich, ist näher am existenziell befreienden Haiku. Vögel und Vorhänge haben miteinander etwas von dem Nervenkitzel und dem Terror geschaffen, dem alle Lebewesen ausgesetzt sind.
Jones dritte Kategorie umfast geschickt konstruierte Haiku mit einer geschlossenen Metaphorik, welche für den Leser bloß noch ein Lächeln oder das Bewundern des Einfalls übriglassen. Ein Beispiel, ein eigenes Haiku:
 
Midlife crisis
Valentinsgrüße gekauft
drei Stück auf einmal.
 
Zur vierten Kategorie rechnet Jones stark symbolische Haiku, die ebenfalls geschlossen sind. Ein Beispiel ist dieses, wieder von mir, wo eine Grapefruit sinnfälliges Symbol für eine sauer gewordene Beziehung ist:
 
Schweigen beim Frühstück
beide Grapefruithälften
ungezuckert
 
Jones hält die zweite Kategorie das „einfache Bildwerk“ für diejenige, die in englischsprachigen Haiku-Magazinen dominiert, während die von ihm am meisten geschätzten Haiku der Sorte „existentiell befreiend“ dort am seltensten auftreten. Ich denke dass das, was Jones zu englischsprachigen Haiku anmerkt, wahrscheinlich gleichermaßen auf alle Haiku in den heute hier vertretenen Sprachen zutrifft.
 
Das hat schwerwiegende Konsequenzen wenn wir wollen, dass Haiku als eine literarische Form anerkannt werden. Nicht wir selber entscheiden darüber, was jeweils für Literatur gehalten wird und was nicht, sondern Dichter, die keine Haiku machen und das „literarische Establishment“ im allgemeinen. Das sind nicht unbedingt Menschen, die Haiku nicht kennen, viele haben sich sogar unsere Arbeiten angesehen, die haben sie aber im großen und ganzen nicht sehr beeindruckt. Sie halten einfaches Bildwerk, realistische Beschreibung, einzeiligen Witz oder banalen Symbolismus in der Dichtung für nicht sehr interessant.
 
Wir sollten uns ernsthaft fragen, ob wir nicht den Fehler machen, zu viele dieser bloß symbolischen, bloß vorgestellten, bloß ausgedachten Haiku zu veröffentlichen, und ob wir nicht zu sehr an das Prinzip des „Skizzierens“ oder shasei gefesselt sind, das von Matsuoka Shiki propagiert und dann von seinem Schüler Takahama Kyoshi bekräftigt wurde. Übrigens ist es für viele Haiku-Enthusiasten immer noch neu, dass Shiki das „Skizzieren“ (das meint objektive Beschreibung) nur als die erste von mehreren Stufen der Vollendung ansah. Ich wage die Behauptung, dass die Herausgeber von Haiku-Magazinen oft zu tolerant sind mit Leuten, die so etwas wie einen publizierbaren Minimalstandard erreichen und dann selbstzufrieden im Flachen sitzen wie kleine Frösche, die sich nicht trauen, in den Teich zu springen und zu sehen, was sie im tieferen Wasser tun können.
 
Vor einigen Jahren hat die Herausgeberin von Blithe Spirit, damals Caroline Gourlay, einige Nicht-Haiku-Dichter eingeladen, ihre Ansichten zum Haiku vorzutragen. Eine von ihnen war Carol Rumens. Hier sind einige der Probleme, die ihrer Meinung nach die Nicht-Haiku-Dichter mit dem Haiku haben:
 
– sie wissen nicht, wie man sie liest
– sie lesen sie lieberaufgereiht, besonders wenn sie wie eine Erzählung aufgebaut
sind
– sie bemerken kein individuelles Ich, das im Haiku anwesend ist
– unser Stil und unsere Ausrichtung sind zu idyllisch und zu bürgerlich
– zu häufig sind unsere Haiku auf Beschreibung begrenzt
– unsere Haiku sind nicht bewegt genug; sie sind allesamt Höhepunkt ohne Vorspiel
– es gibt zu wenig Abwechslung beim Rhythmus
– unsere Wortwahl ist zu ausgeklügelt
– wir arbeiten nicht hart genug daran, das Haiku in unsere heimische poetische Kultur einzubürgern.[2]
 
Dies sind wohlmeinende Kritikpunkte von jemandem, der möchte, dass Haiku eine Nische in der Dichtung dieser Welt finden, und wenn wir überhaupt Interesse daran haben, dass unser Produkt besser von Nicht-Haiku-Dichtern akzeptiert wird, sollten wir darüber nachdenken.
 
Ich werde mich nun dem Prozess zuwenden.
 
Fünfzehn Jahre lang habe ich einer Reihe von Haiku-Gesellschaften angehört und an einigen Haiku-Konferenzen und Festivals teilgenommen, zu Hause in England und im Ausland, und allen war dies gemeinsam: die Aufnahme war jedes Mal außergewöhnlich freundlich. Es ist so, als würden wir zu einem Verein Gleichgesinnter gehören. Menschen, die sich Haiku-Gruppen als Anfänger anschließen, werden warmherzig ermutigt, und wenn sie sich darauf einlassen, kann man davon ausgehen, dass nach einigen Monaten eines oder zwei ihrer eigenen Haiku ohne jede Vorgabe im Druck erscheint. Dies hinterlässt den Eindruck, es sei ziemlich einfach, den Veröffentlichungsstandard für Haiku zu erreichen. Wir haben nicht die in Japan übliche Struktur einer von einem anerkannten „Meister“ geführten Gruppe, bei der sich die Mitgliedschaft in einen niederen Rang von Lehrlingen und einen höheren von Gesellen aufteilt. Ich möchte nicht vorschlagen, dem japanischen Beispiel zu folgen, ich bezweifle stark, ob wir ein solches System tolerieren würden, weil es nicht mit unseren gängigen Begriffen von Demokratie übereinstimmt; und es gäbe wenn überhaupt sehr wenige Haikuschreiber im Westen, die sich als „Meister“ hinstellen würden. Es gibt unterschiedliche Dynamiken in unseren und japanischen Gruppen. In einer japanischen Gruppe strebt man nach Anerkennung durch den „Meister“, was bedeutet, sich an seinem (oder ihrem) Verständnis von Qualität zu orientieren. In unseren Gruppen strebt man nach Anerkennung durch seinesgleichen, was das Schreiben von Haiku leicht auf das Durchschnittsniveau abgleiten und einen mit der bloßen Nachahmung anerkannter Muster zufrieden sein lässt. Der Wunsch, zur Mehrheit zu gehören, hat einen einebnenden Effekt, die gewählten Muster gehören dann zu der ausgedachten, symbolischen oder beschreibenden Art und sind relativ leicht zu erkennen und einfach herzustellen.
 
Das gegenwärtig in Japan verfolgte System erscheint gewöhnlich in zwei sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Zum einen ist das Verfahren sehr populär oder demokratisch ausgeformt, zum anderen ist es streng autoritär. Typischerweise verfassen die Mitglieder einige den Regeln entsprechende Haiku, entweder zu einem vom Meister vorgegebenen Thema als „Hausaufgabe“ (vielleicht ein aktuelles „Jahreszeitenwort“) oder indem man sich zu einem ginko versammelt, einem gemeinsamen Spaziergang, auf dem die Teilnehmer wie nebenher Haiku jagen. Die Haiku, die unter diesen ziemlich arrangierten, meisten laborartigen Umständen entstehen, werden dann anonym auf einem kukai-Treffen gesammelt und einerseits der allgemeinen Bewertung, andererseits dem Urteil des „Meisters“ unterworfen. Dabei kann man durchaus etwas lernen. Trotzdem kennzeichnen Gleichartigkeit und Wiederholung die Produkte, weil die Mehrzahl der Meister in der Praxis offenbar recht konservativ sind.
 
Etwas dem ginko und dem kukai Ähnliches geschieht auch bei unseren westlichen Workshops und Wettbewerben, wo nicht immer die inspiriertesten und inspirierendsten Haiku die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Grund dafür liegt meines Erachtens darin, dass unsere Prozesse einfach zu schnell gehen. Ich weiß um die Argumente zugunsten der Spontaneität, obwohl diese der Philosophie, nicht der Poetik entstammen. Ich meine eher, Spontaneität trägt dazu bei, dem Produkt das Treffende zu nehmen. Während eines ginko oder in einem Workshop schütteln wir Gedichte aus dem Ärmel, was uns keine Zeit lässt, die Beobachtungen zu verdauen und die besten Formulierungen aufzufinden. Später sitzen wir im kukai zu Gericht und treffen schnelle Entscheidungen über die besten der unzähligen Haiku, die uns kurz unter die Nase gehalten werden. Die Qualität eines Haiku von „existentiell befreiender Art“ oder eines innovativen Haiku kann leicht übersehen werden, weil diese Haiku Zeit brauchen, sich einzuprägen und anerkannt zu werden. Die Haiku, die sofort Zustimmung finden, sind solche, die einen neuen Blickwinkel auf etwas Altbekanntes bieten, besonders humoristische, die spontanes Lachen oder Lächeln hervorrufen.
 
Wie dem auch sei, das „Muschelschalenspiel“, für das Martin Lucas wirbt, sollte uns ermutigen, besser zu unterscheiden. Ich hoffe, wir finden während des Wochenendes eine Gelegenheit, von ihm darüber zu hören. Eine andere erwähnenswerte Initiative ist Haiku-heute, die Volker Friebel im Internet organisiert. Dieser Fischzug durch alle auf Deutsch veröffentlichten Haiku eines Jahrgangs wird von einer recht großen Jury zusammengestellt. Die Absicht ist, Haiku, die bei den Juroren beliebt sind und von allen die meisten Stimmen bekommen haben, nochmals zu veröffentlichen. Diese zwei Verfahren kommen vielleicht der Entwicklung eines Mechanismus zur Qualitätssteigerung am nächsten. Ich würde nur gerne wissen, ob das Ziel, Hunderte gute Haiku in einem einzigen Jahr zu finden, nicht zu anspruchsvoll ist. Ist dies nicht ein weiteres Beispiel dafür, dass Inklusivität (das Ziel, so viele wie möglich aufzunehmen) über Exklusivität triumphiert (und darüber, Loyalität gegenüber den Haiku über die gegenüber Personen zu stellen und kein Haiku durchgehen zu lassen, das nicht einem sehr anspruchsvollen Standard genügt)? Standards können leicht verflachen, wenn man sich darauf festlegt, tausend gute Haiku im Jahr aufzufinden. Stellen Sie sich vor, die Winzer dieses schönen Landstrichs würden beschließen, immer dieselbe Zahl Weinflaschen zu erzeugen, ganz gleichgültig, wie das Wetter ist und die Ernte ausfällt.
 
Das renku ist noch etwas, das wir von Japan übernommen haben. Es ist attraktiv, weil es in einem gemeinschaftlichen Schöpfungsprozess entsteht und damit etwas bietet, was wir im literarischen Leben im Westen praktisch nicht kennen. In England wird es langsam zum Berührungspunkt von Haiku-Dichtern und Nicht-Haiku-Dichtern, so dass es sein könnte, dass das Haiku durch verknüpfte Haiku einen festeren Halt in der nationalen Tradition bekommen könnte.
 
Das renku hat natürlich einen sehr ansehnlichen Stammbaum. Eine renku-Sitzung ist ein angenehmer Zeitvertreib. Aber wie häufig entsteht daraus etwas, das einem Gedicht von verlässlicher Qualität ähnlich sieht, mit anderen Worten, einem literarischen Produkt? Nach meiner Erfahrung fast nie, oder höchstens wie das sprichwörtliche Pfarrer-Ei „in Teilen“. Tatsächlich war Shiki nicht dafür zu haben und hätte die renku am liebsten gänzlich aus der literarischen Szene verbannt. Die Verdienste des renku liegen im Prozess der Entstehung; das Produkt ist von zweifelhaftem Standard und sehr selten von bleibendem literarischen Wert.
 
Eigentlich sollte ich nicht voraussetzen, dass wir alle hochtrabende literarische Ambitionen, große Pläne zur Verbesserung der Gesellschaft haben oder uns alle für die Natur interessieren. Es reicht aus, uns an Haiku zu erfreuen, so wie sie sind; wenn wir dabei unsere Freude mit der Gemeinschaft teilen können werden wir das Leben ein wenig bereichern und Freunde gewinnen. Dennoch hoffe ich, die Sache richtig verdeutlicht zu haben: indem wir an unseren Prozessen weiterarbeiten, können wir den Wegen zur Qualitätsverbesserung unserer Produkte mehr Aufmerksamkeit schenken.
 
Ich möchte hier das Beispiel Bashōs erwähnen. Man könnte ihn den „geselligen Ere-miten“ nennen. Er reiste nicht nur durch das Land, um Dingen zu suchen, die seine Dichtung inspirierten und verbrachte so manchen geselligen Nachmittag und Abend beim Dichten von renku zusammen mit anderen Poeten, die in ihm ihren Lehrer sahen, sondern es gab auch Situationen, wo er sich abschottete und am Ende monatelang nichts mit anderen zu tun haben wollte. Dann arbeitete er daran, dem Haiku mehr Bedeutung zu verschaffen oder seinen Stil zu perfektionieren.
 
Die ausgewählten und privilegierten Wenigen, die wir nach Bad Nauheim eingeladen wurden, haben vielleicht eine größere Verantwortung als viele andere, von Zeit zu Zeit unsere Türen zu  schließen. Wir haben daheim und in der Fremde einige Spuren in der Haikuwelt hinterlassen, und die wird es uns verzeihen und uns weiterhin lieben, wenn wir jetzt und immer wieder eine kleine Auszeit nehmen.
 
Was meine ich mit „die Türen schließen“? Es bedeutet für jeden von und etwas anderes, weil ich es als absolute Priorität sehe, das Haiku in unseren Heimatländern und Muttersprachen zu verankern. Das kann sogar für eine Zeitlang heißen, die internationale Dimension des Haiku zu vernachlässigen. Ich weiß natürlich, wie frustrierend es sein muss, wenn jemandes Muttersprache nicht von sehr Vielen verstanden wird, und ich verstehe den Reiz, Gedichte durch Übersetzung ins Englische oder andere mehr verbreitete Sprachen einem sehr viel größeren Publikum zugänglich zu machen. Und ich kann mir vorstellen, dass Sie denken: Oh ja, für den ist alles in Ordnung, ein englischer Muttersprachler hält uns kluge Reden und hat dabei einen so leichten Zugang zu einer weltweiten Leserschaft! Aber wenn es Aufgabe des Haiku ist, eine bestimmte poetische Einstellung zu verbreiten, dann wird dies nicht erreicht wenn man versucht, das Unglück von Babel rückgängig zu machen, sondern Haiku in jeder Sprache und Kultur gleich stark zu machen, was sicherlich heißen muss, sie unverwechselbar zu machen. In jedem Land hat die Akklimatisierung des Haiku seine eigenen Bedingungen.
 
Wenn „die Türen schließen“ bedeuten, dass für eine Weile weniger unserer eigenen Haiku veröffentlicht werden, wäre das so schlecht?
 
Um es zusammen zu fassen: der Haiku-Prozess und das Haiku-Produkt können oft nicht klar voneinander unterschieden werden, deshalb kann es manchmal gut sein, sie gesondert zu betrachten. Letztlich ist alles eine Sache des richtigen Verhältnisses. Welches Gleichgewicht stellen wir zwischen Haiku als Zeitvertreib und als ernsthaftem Lebensweg, als literarischer Herausforderung her. Wenn Sie beides zustande bringen können, dann haben Sie es gut getroffen. Wenn nicht, schadet es auch nicht, sich beim Haiku ausschließlich oder hauptsächlich für den Prozess zu interessieren; wie es auch nicht weiter schadet, es ausschließlich oder hauptsächlich als literarisches Produkt zu schätzen. Wir sollten aber wissen, wo wir stehen, so dass wir andere mehr respektieren können, die etwas anderes als wir selber für wichtig halten.
 
Was immer Ihr Standpunkt sein mag, ich wünsche Ihnen an diesem Wochenende viel Freude, lassen Sie sich anregen und erfrischen, und verlassen Sie Bad Nauheim mit neuem Engagement für das von uns allen geliebte Haiku.
 
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
[1] Ken Jones: On Finding the Heart of Haiku, Blithe Spirit, Band 15 Nr.1, März 2005
[2] Carol Rumens: Kettle Talk, Blithe Spirit, Band 8 Nr.3, September 1998