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Haiku auf schwedisch
 
 
Anders Österlings Besprechung von Asatoro Miyamoris An anthology of Haiku ancient and modern, die 1933 in der Tageszeitung Svenska Dagbladet zu lesen war, dürfte die erste Präsentation des Genres in schwedischer Sprache darstellen. Österling nennt es "das kürzeste Gedicht der Welt" und fühlt sich verunsichert angesichts des japanischen Humors wo "das Lächeln so flüchtig und diskret ist", dass man nicht immer so richtig wissen kann, wann ein Gedicht lustig ist und wann es ernst wird.
1959 erschien die erste Ausgabe japanischer Haiku in schwedischer Sprache: Haiku. Japansk miniatyrlyrik - von dem rumänischen Musiker Jan Vintilescu stilgetreu übersetzt.
1961 veröffentlichte der schwedische Lyriker Bo Setterlind eine Sammlung mit kurzen, dem Haiku bewusst nachempfundenen Gedichten, Några ord att fästa på siden. Er war der erste einer Reihe bekannter schwedischer Autoren, die sich für das Haiku interessierten.
Die nächste Sammlung schwedischer Haiku stammte jedoch aus der Feder des Diplomaten und Uno-Generalsekretärs Dag Hammarsköld. Kurz nach dem Todessturz 1961 in Kongo, fand man in seiner Hinterlassenschaft ein Manuskript, das 1963 unter dem Titel Vägmärken erschien: Eine tagebuchartige Sammlung von Notizen, Beobachtungen und Haiku.
1974 veröffentlichte die Konkretistin Sonja Åkesson ihren elften Gedichtband: Sagan om Siv, eine Sammlung meist traurig ironischer, sozialrealistischer Augenblicksbilder aus dem Leben des fiktiven Charakters "Siv". In einem kurzen Geleitwort erklärte Åkesson, dass - abgesehen vom Format des Dreizeilers mit 5-7-5 Silben - diese Texte mit dem japanischen Genre des Haiku nicht besonders viel gemeinsam hätten. In einem kurzen Epilog zitiert sie jedoch Lafcadio Hearns Feststellung, in Japan sei Lyrik so etwas wie ein Allgemeingut. Fast jeder Japaner, unabhängig von seiner sozialen Herkunft, würde auch schreiben. Die Autorin fährt fort und fragt, ob nicht auch Schweden gerade eine ähnliche Entwicklung durchmache. "Wenn ich Schulen besuche, lasse ich die Schüler Dreiergruppen bilden und diese dürfen dann Haiku schreiben; jeder schreibt eine Zeile".
Seit den Siebziger Jahren steht das Haiku, bzw. das, was man für ein Haiku hält, im Mittelpunkt des Interesses. Dies gilt nicht zuletzt für die Schulen, sondern überhaupt für das Bildungswesen auf allen Ebenen. In vielen Lehrmaterialen für die Grundskola (erste neun Schuljahre) im Fach Schwedisch findet sich ein Abschnitt zum Thema Haiku, manchmal auch in den Lehrmaterialen für das Gymnasium (die ebenfalls obligatorischen Schuljahre 10-13). Wer das Fach Naturpädagogik an der Agrarhochschule in Uppsala studiert, kann u.U. auch in Haiku-Übungen einbezogen werden. Die Bauhaus-inspirierte Pädagogen der Bildenden Künste an der Levande Verkstads-Schule haben während ihres Studienganges in der Regel auch mit einem experimentellen Haiku- und Haiga-Projekt zu tun.
Was man in all diesen verschiedenen Bereichen unter Haiku versteht, müsste eigentlich sehr unterschiedlich sein. Allerdings ist dem nicht so - sogar in den vielen populären Schreibwerkstätten und Schreibakademien der Volkshochschulen begrenzt sich die Definition oft eher auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: dem Silbenzählen. Gegebenenfalls fügt man dem verbal-arithmethischen Gebilde noch ein Jahreszeitenwort hinzu. Die Lyrik bleibt bei diesem Rezept natürlich gerne auf der Strecke, und rhythmische Geniessbarkeit wird auch nicht unbedingt durch das Silbenzählen garantiert - zumal die Wirkung von Zeilenbrüche dem poetischen Novizen nicht immer bewusst ist.
Dieser Verwässerung des lyrischen Gehalts des Genres steht allerdings ein bestehendes Interesse der versierteren Autoren entgegen, deren  Poetik allerdings die des Haiku in den Schatten stellen.
Nach Dag Hammarsköld sind noch zwei weitere Mitglieder der schwedischen Akademie mit Haiku inspirierten Gedichten an die Öffentlichkeit getreten: Gunnel Vallquist mit den eher aphoristischen Dreizeilern, die den Betrachtungen in Steg på vägen beigemengt wurden; der Sinologe Göran Malmqvist mit seinen Lustigkeiten in Haiku för ros skull, die nicht immer ganz so subtil anmuten, wie Österlings anfangs erwähnter Artikel es dem Haiku zusprechen möchte.
Der postmoderne Literaturtheoretiker und Lyriker Anders Olsson hat in der Sammlung Ett mått av lycka konsequent die 5-7-5-Form eingehalten, wobei er allerdings zuweilen mit sprachdestruktiven Grammatik-Experimenten laboriert, wie es eben Dekonstrukteure zuweilen gerne tun.
Die kunstfertigen, von originellen Metaphern durchsetzten Dreizeiler des Nobelpreis-Anwärters Tomas Tranströmer, des im Jahre 2004 erschienenen Bandes Den stora gåtan (Das grosse Rätsel) sind schon ins Deutsche sowie in etliche andere Sprachen (z.B. bengali) übersetzt worden. Nach dem Erscheinen dieses Buches liess sich ein deutlicher Tranströmer-Effekt in der Statistik der bedeutendsten schwedischen Haiku-Homepages verzeichnen: Plötzlich schnellte die Besucherzahl auf das doppelte hoch. Wie man auch zu Tranströmers eigenwilliger Interpretation der Haiku-Form stehen mag: sein Einsatz hat dazu beigetragen, dass das Haiku als anspruchsvolle Kunstform erneut zum Medienthema geworden ist.
Seit der Japanologe Lars Vargö das Buch Japansk haiku. Världens kortaste diktform veröffentlichte, steht dem schwedischen Publikum auch ein Referenzwerk zur Verfügung, das ein tieferes Verständnis des Genres ermöglicht. Das 2003 erschienene Buch enthält neben einer ausführlicher Historie und Definitionen auch an die 300 moderne japanische Haiku in schwedischer Übersetzung.
Vargös Aktivitäten gelten auch dem schwedischen Haiku. Vargö ist unter anderem Redakteur und Herausgeber der Zeitschrift der schwedischen Haiku-Gesellschaft.Die schwedische Haiku-Gesellschaft, die 1999 von Kaj Falkman und Sten Svensson mit der Ambition gegründet wurde, das schwedische Haiku zu fördern, hat inzwischen schon zwei Anthologien herausgegeben.
 
 - Im Jahre 2000 erschien Aprilsnö. Hundra svenska och hundra japanska haiku: Suweden no haiku hyakku Nihon no haiku hyakku, eine zweisprachige Ausgabe mit hundert schwedischen und hundert japanischen Haiku, die jeweils in die andere Sprache übersetzt wurden.
 
- 2003 erschien Haiku.Förvandlingar, mit den Beiträgen von 103 schwedischen Haiku-Dichtern. (Ausführlichere englischsprachige Besprechungen der beiden Anthologien, mit Beispiele der repräsentierten Haiku, sind teils in der letzten Ausgabe von Simply Haiku zu finden, http://www.simplyhaiku.com teils in http://www.haikurymden.se/essay.htm
 
Unregelmässig erscheint die Zeitschrift Haiku, mit Essays, Besprechungen, Haiku und Ergebnissen von Haiku-Wettbewerben. Bisher hat die schwedische Haiku-Gesellschaft auch zwei Haiku-Wettbewerbe ausgeschrieben.
Für Mitglieder organisiert die Gesellschaft auch Haikuworkshops. Etliche der rund 150 Mitglieder der Gesellschaft bieten ausserdem Vorlesungen und Workshops in verschiedenen Bereichen an: In Schulen, Museen, Büchereien, Bildungszentren, Hochschulen und dergleichen.
Seit rund einem Jahr hat die Gesellschaft eine eigene Web-Seite Svenska Haiku Sällskapet mit grundlegenden Informationen zu Haiku, die sich einer stetig steigenden Besucherzahl erfreut: http://www.haiku-shs.org
 
Helga Härle