Das Veranstaltungsradio Funkwelle FM begleitet noch bis Sonntag die »pro-artis-Sommerakademie«
Von Markus Drescher
Das Studio und die kleine Sendeantenne von Funkwelle FM am Kirchturm des Stadtklosters Segen. Fotos: ND/Burkhard Lange
In Berlin gibt es eine Vielzahl von Radiosendern und es wird hart um die Aufmerksamkeit
der Hörer gerungen. Doch hinter der reinen Quantität verbirgt sich wenig Vielfalt. Für
manchen, der mit den unterschiedlichen Spielarten des ewigen »Hits der 70er, 80er, 90er
und das Beste von Heute« nichts anfangen kann, bringt es ein Satz der Brechtschen»Radiotheorie« auf den Punkt: »Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet,
ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas
zu sagen hat.« Dass es eigentlich genug Menschen gibt, die etwas zu sagen haben,
beweist der Radiosender Funkwelle FM.
Das Veranstaltungsradio begleitet die »pro-artis-Sommerakademie«. Berliner Kinder
können dort in Kursen unterschiedliche Künste kennenlernen und auch einmal in den
Journalismus hineinschnuppern. Als »Rasende Reporter« führen sie Interviews,
produzieren Beiträge und sind Gäste im Studio der Funkwelle. Zwei Stunden, von 14 bis 16
Uhr, werden so mit Themen rund um die Sommerakademie und die Nachwuchs-Reporter
gefüllt.
Doch auf der Frequenz 95,2 MHz sendet Funkwelle FM – noch bis Sonntag – rund um die Uhr. »Zum Frühstück gibt es
Garage-Punk«, sagt Paul Motikat von den »Radiopiloten«. Zusammen mit seinen beiden Kollegen Jens Gröger und Jero hat er
das Radio auf die Beine gestellt. »Ich bin ein Freund von Meinungsvielfalt«, erklärt Motikat weiter. Und Vielfalt ist es, was
Funkwelle FM den Hörern bieten will. So ist der Veranstaltungsfunk auch Plattform für Künstler, Kulturschaffende und
Menschen, die einfach Lust haben, sich im Medium Radio auszuprobieren. »Das Programm gestalten Leute, die sonst ein
Freies Radio benutzt hätten«, sagt Motikat. Ein solches gibt es in Berlin aber nicht und das Projekt Funkwelle FM ist eine der
sehr seltenen Gelegenheiten, Menschen, die etwas zu sagen, aber keinen Zugang zum Medium Radio haben, auf Sendung
gehen zu lassen. Der Sender sei ein »Flohmarktradio«, das ein »selbst-bestimmtes Radiohören« ermögliche, erklärt Motikat.
Mit 100 Watt Sendeleistung erreichen die Radiomacher, von denen keiner Profi ist, die
Bezirke Mitte, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg. Das Studio in einer Galerie in der
Schönhauser Allee bezeichnet Motikat wenig schmeichelhaft als ein wenig »rumpelig und
räudig«. Etwa ein halbes Jahr habe es gedauert, überhaupt die Genehmigungen der
Medienanstalt Berlin-Brandenburg und der Bundesnetzagentur zu bekommen.
»Für eine Premiere sehr gelungen«, findet Alexander Altomirianos, Schauspieler und einer
der Moderatoren der Funkwelle, das Projekt. »Wir haben alle Erfahrungen gesammelt, um
es beim nächsten mal noch besser zu machen.« Hoffentlich gibt es ein nächstes Mal,
mögen die Hörer denken, damit sie bald wieder jemanden hören, der etwas zu sagen hat.
Neues Deutschland 15.08.2008 / Berlin/Brandenburg / Seite 18
Medienanstalt BerlinBrandenburg: Pläne für nichtkommerziellen RadioSender
Von Peter Nowak
In Husum, Weimar, Freiburg, Erfurt und Dresden wird die
Medienlandschaft durch die Sendungen so genannter Freier Radios aufgelockert.
Ihre Existenz als »nichtkommerzielle, lokale Rundfunkstationen« ist in den
Landesmediengesetzen zahlreicher Bundesländer festgeschrieben. Auch die
Finanzierung ist dort geregelt. Nach dem Mediengesetz steht den
nichtkommerziellen Radios ein Teil der GEZGebühren zu. Doch ausgerechnet in
Berlin, der Stadt mit einer ausgeprägten kulturellen Subkultur, existiert
bisher kein Freies Radio. Mit dem Verweis auf die Existenz des Offenen Kanals
blockte der Senat bislang alle Versuche, auch in der Hauptstadt ein Freies
Radio zu etablieren. Das könnte sich bald ändern. Seit gestern debattiert die
Medienanstalt BerlinBrandenburg über die Einrichtung eines nichtkommerziellen
Senders, der zum 30. Juni 2003 OnAir gehen könnte. Damit würde ein Versprechen
des Berliner Koalitionsvertrags umgesetzt. Schließlich haben PDS und SPD dort
in einem Halbsatz formuliert, dass »die Förderung des nichtkommerziellen
Lokalfunks wünschenswert« sei. Damit haben sie hohe Erwartungen bei einem
wachsenden Kreis von DJs, Künstlern und Konzertveranstaltern geweckt, die
teilweise seit Jahren für ein nichtkommerzielles Radio agieren. Ende der 80er
Jahre ging dieser Wunsch in Westberlin mit dem Projekt »Radio 100« zumindest
für kurze Zeit in Erfüllung. Doch interne Differenzen und finanzielle Probleme
sorgten dafür, dass schon ab 1991 wieder weitgehend computergesteuerter
musikalischer Mainstream über den Äther ging. Die Frequenz, auf der »Radio 100«
sendete, bekam »Radio Energie« zugesprochen. Damals trat erstmals ein breites
Bündnis politischer und kultureller Initiativen auf, die sich für einen eigenen
Sender stark machten und auch gleich ein komplettes Finanzierungsmodell
mitlieferten. Nur kurze Zeit später gingen im Berliner Osten vergeblich viele
Leute für den Erhalt des in der DDR beliebten Senders DT64 auf die Straße.
Seitdem sind die Forderungen nach einem Freien Radio nicht verstummt.
Als »Chronik des Scheiterns« beschreibt »PIRadio« die
vielfältigen Bemühungen der letzten Jahre für ein Freies Radio in Berlin.
PIRadio -- der Name zeigt schon, dass die Radioaktivisten nicht bei der
Einforderung einer eigenen Frequenz stehen geblieben sind. Als Piratensender
haben sie es immer wieder geschafft, sich in die Frequenzen zu mogeln. Doch
mehrere Polizeieinsätze führten zur Beschlagnahme des technischen Equipment und
legten die Arbeit der Radioaktivisten damit für längere Zeit lahm. Hinzu kam,
dass ihnen auf Dauer der begrenzte Hörerkreis der Piratensendungen zu klein
wurde. Deshalb konzentrierte man sich mit der im April 2002 gegründeten
Radiokampagne wieder verstärkt auf das legale Standbein. Dort haben sich
unterschiedliche Initiativen mit dem einen Ziel zusammengeschlossen: eine
terrestrische UKWFrequenz für ein freies Radio ganztägig. Auch Twen FM gehört
dazu. Der Sender, der vor allem elektronische Musik über den Äther schickt,
begann 1999 im Ostteil Berlins ebenfalls als Piratensender, legalisierte sich
im letzten Jahr als Internetradio twenfm.de.
Ab Mitte dieses Jahres könnte er dann über Antenne
ausgestrahlt werden. Die Chance bietet sich, weil die beiden Frequenzen 105,5
und 92.6 neu vergeben werden. Nach dem Vorbild des Freien Sendekombinats (FSK)
in Hamburg ist auch in Berlin ein Mischsender in der Diskussion. Twenfm müsste
sich die Frequenz dann mit den Offenen Kanal teilen. Damit diese Pläne Realität
werden, rührt Twenfm vor dem entscheidenden Termin noch mal kräftig die
Werbetrommel in eigener Sache. Besonders an Konzertveranstalter, DJs und
Musiker ergeht die Bitte, in Schreiben an die Medienanstalt die Notwendigkeit
eines Freien Radios noch einmal zu betonen. Das dürfte angesichts der
gegenwärtigen monotonen Berliner Radiolandschaft nicht schwer sein.
Neues Deutschland Seite 13 Artikel: befreie radios vom
11.02.2003
Pause für Radiopiraten
Polizei beschlagnahmt die Sendeanlagen von "Radio Westfernsehen". Konsequenz: Pause bis zum Herbst
Wie erst gestern bekannt wurde, haben am vergangenen Mittwoch Polizeibeamte das Gelände des Pfefferbergs in Prenzlauer Berg durchsucht und dabei Sendeanlagen des Piratenradios 104.1 MHz beschlagnahmt. Der Sender ist seit Januar unter dem Namen "Radio Westfernsehen" regelmäßig in der Innenstadt zu hören und möchte ein "Forum für linke Politik und Subkultur bieten", wie ein Sprecher gestern betonte. So sei unter anderem live über die große Anti-Haider-Demo in Wien berichtet worden.
Bei der Durchsuchung am Mittwoch wurde nach Angaben des Sprechers keiner der Radio-macherInnen angetroffen. Die Polizei war gestern nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen. Die vorerst letzte Sendung war am Dienstag abend in den Äther gegangen. Die Polizeiaktion vom Mittwoch war der erste Schlag gegen den Sender, der musikalisch mehrere Styles bietet - von Punk bis Hiphop und DnB. Durch die Beschlagnahmung der Sendeanlagen sei ein Schaden von mehreren tausend Mark entstanden, sagte der Sprecher. "Wir machen so schnell wie möglich weiter." Dies könne allerdings bis zum Herbst dauern.
Anfang März hatte die Polizei bereits dem illegalen Sender TwenFM einen unsanften Besuch abgestattet. Im Unterschied zu "Radio Westfernsehen" hat TwenFM kein politisches Sendungsbewusstsein, sondern ist einfach ein DJ-Radio, das Clubsounds verbreitet. Nach der Polizeiaktion sind die TwenFM-MacherInnen ins Internet gegegangen. Für das Westfernsehen kommt das nicht in Frage. Nicht jeder könne sich einen Internet-Zugang leisten, so der Sprecher.
Der Berliner Verein ,,Pi-Radio" möchte ein unabhängiges
Programm machen. Weil er aber keine Frequenz dafür bekommt, senden einige
Mitglieder illegal *.
Stets müssen sie befürchten, dabei entdeckt zu werden.
VON TILL SCHRÖDER
Von der Straße aus führen ein paar Stufen in einen engen
Kellerraum hinab. Der Treffpunkt und das Studio von Pi-Radio gleichen einer
Mischung aus Gerümpelkammer und Probenraum. Auf einem Tisch stehen ein
kleines Mischpult, ein Kassettenrekorder und ein Computer. Man ist auf Sendung,
aber nur per Internet. Das Experiment empfängt aber nur, wer die Adresse
der versteckten Domain kennt, die noch nicht einmal mit dem vertrauten ,,http"
anfängt.
Pi-Radio ist ein eingetragener Verein, der versucht in Berlin ein so
genanntes ,,Freies Radio" zu etablieren und dafür dauerhaft eine
Frequenz zu bekommen. Doch das ist fast unmöglich, weil in der Stadt so
viele private und öffentlich-rechtliche Sender den Äther verstopfen.
Viele Studenten machen bei Pi-Radio mit, etwa der Verfahrenstechniker Jens Gröger.
Als er vor sechs Jahren von Freiburg nach Berlin zog, erhoffte er sich
eigentlich mehr Freiräume als daheim. ,,Ich bin davon ausgegangen, dass überall
dort, wo demokratische Grundstrukturen herrschen, auch Platz für ein Freies
Radio ist", sagt er. Doch das Gegenteil war der Fall: So etwas wie das
,,Radio Dreiecksland", für das Gröger lange Zeit ein alternatives
Umweltmagazin gestaltet hat, gibt es in der Hauptstadt nicht. Freie Radios wie
jener Freiburger Sender lehnen kommerzielle Werbung ab, verstehen sich als unabhängig
von politischen und wirtschaftlichen Interessen und wollen möglichst vielen
Gruppen die Möglichkeit eröffnen, ihre Meinungen kundzutun.
Weil Pi-Radio keine eigene Frequenz bekommt und das Senden im Internet nur
bedingt Spaß macht, verlassen einige Vereinsmitglieder
* regelmäßig
den Boden der Legalität. Sie nehmen dann ihre Sendung auf Kassette auf,
klettern mit einem Walkman und einem Mini-Sender auf ein Dach und werden das,
was man Radiopiraten nennt. Einer der Sender heißt ,,Radio Westfernsehen",
und empfangen werden kann er jeden Tag zwischen 18 und 19 Uhr auf der Frequenz
104,1 Megahertz.
Die Leute von Pi-Radio wissen und fördern das. ,,Wenn die Macher der
Berliner Piratensender die IRA wären, dann wäre Pi-Radio deren
politischer Arm Sinn Fein", sagt Jens Gröger. Weil der Sender so
schwach ist, ist das Programm nur in den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg zu hören
- wenn überhaupt. Da seit gut zwei Jahren der Betrieb von Piratensendern
nicht mehr als Straftat, sondern nur noch als Ordnungswidrigkeit gilt, kann sich
Pi-Radio dazu bekennen, den Kanal zu unterstützen. Denn eine Beihilfe zu
einer Ordnungswidrigkeit gibt es nicht.
Etwa 20 Radiomacher gehen regelmäßig bei ,,Radio Westfernsehen"
auf Sendung. Falls sie ein Peilwagen der Telekom erwischt, wird vermutlich die
Ausstattung beschlagnahmt und eine Geldstrafe von bis zu 5000 Mark fällig.
Erst vor kurzem hat die Polizei den Berliner Piratensender Twen FM ausgehoben,
und deshalb sind die Leute von ,,Radio Westfernsehen" bei ihrem
Versteckspiel zurzeit auch etwas nervös.
Trotzdem senden sie stundenweise Musik und Beiträge, die man in einem
normalen Programm nicht hören kann. Meistens geht es dabei um Subkultur und
Probleme von Randgruppen. ,,Radio ist zurzeit nicht so angesagt wie Film und
Fernsehen", sagt Susanne, eine der Westfernsehen-Piratinnen. ,,Aber es ist
auch ein Medium, mit dem man wirklich interessante Sachen machen kann."
Susanne studiert Mediengestaltung an der Hochschule der Künste. Wie
viele Hörer sie mit ihren Sendungen erreicht, kann sie nicht sagen.
Vielleicht sind es 50 oder 100, vielleicht auch nur zwei, drei gute Freunde.
KONTAKT
Pi-Radio hat seinen Sitz im Tacheles an der Oranienburger Str. 56, 10117
Berlin. Telefon 030/28099028.
Im Internet findet man den Verein unter piradio.prenzl.net
(ohne www!) Dort erfährt man auch etwas über das Selbstverständnis
der Freien Radios.
Text: Till Schröder, Foto: Paulus Ponizak
* Richtigstellung von
Pi-Radio: Das stimmt so natürlich nicht! Pi-Radio-Mitglieder und Radio
Westfernsehen-AktivistInnen sind nicht identisch. Wir versuchen zwar,
die PiratInnen ans legale Ufer rüberzuholen, aber es klappt nicht. Wie die
jungen Leute so sind, sie haben wenig Interesse an Institutionen, Vereinen,
Kampagnen und globalen Zusammenhängen. Stattdessen wollen sie vor allem Spaß.
15. März 2000--------mc looney tunes------Jungle
World
Hear us rumble!
Ein Jahr lang sendete der Berliner Piratensender Twen FM Clubmusik und
Obskures zwischen Punk und Rock. Jetzt ist vorläufig Sendepause. von mc
looney tunes
Februar 1999
»Hey, Ladys, my Mercedes!« C. und ich sitzen zusammen mit W. in
seinem Benz, Baujahr '84. Berlin ist verregnet, verdammter Winter, kann denn
nicht irgendjemand die Hausnummer erkennen?
Im Fond sitzen und warten außer C.: zwei gepackte Platten-Taschen und
drei Dosen Bier. Was, da? Nein, hier! Hm, parken. Klingel drücken. »Hallo,
ihr müsst nach ganz oben!« O no. Das ganze Haus ist mit grauer Plane
eingepackt. Bauschutt knirscht unter den Sneakers, vier Stockwerke hoch. Krrsch
krrsch. Wir treten ein in Twen FMs erstes Sendestudio: Eine toprenovierte
Ein-Zimmer-Wohnung, ein Prototyp von Berlins Neuer Mitte, mit großem Bett
und kleiner Küche. Sie gehört M., der Freundin von S., der den Sender
ins Leben gerufen hat.
Auf dem Computertisch stehen Plattenspieler, ein Mischpult und daneben: der
Sender. Er sieht aus wie ein alter Verstärker mit abgenommener Schädeldecke,
Twen FMs Mastermind sieht verdammt schrappelig aus. Aber - it's magic! - er
sendet! W. und C. packen ihre Platten und ich mein Mikro aus. Die Beats werden
hochgedreht, und ich fange an: »This is Twen FM 95 point one, DJ radio for
the millennium! Ihr hört on bass tracks, ab jetzt immer donnerstags von 22
bis 0 Uhr, yeah!« Radiosendung-Machen fühlt sich komisch an.
S. raucht am Küchentisch, M. telefoniert und zeigt C. ihr
Bewerbungs-Tape für die Filmhochschule. Thema: »Breaking the Rules«.
März 1999
Dritte Sendung. Wir haben DJ A. eingeladen. Uneingeladen bringt er MC Wh.
mit. Diese Show soll Chefsache sein. Nach einem exakt gezirkelten Set checkt man
rum mit S., sie wollen eine eigene Sendung am Start haben. Kurze Verhandlung.
Wann, was, wie, okay, geht klar. Jetzt möchte jeder einen Sendeplatz haben.
Drum'n'Bass rules. Kleine Zettel gehen rum, auf denen man die gewünschte
Zeit und den Musik-Style eintragen kann. In M.s Wohnung hängen nun jeden
Abend von 20 bis 0 Uhr eine Menge Homies ab, verschütten Bier und verteilen
Krümel im Bett. Die Wohnung wird langsam zu klein.
April 1999
Die erste richtige Location ist gefunden und bezogen! »Viel besser als
bei der alten«, sagt DJ A. In der leer geräumten Wohnung kann sich
endlich jeder an der Wand verewigen. Schnell ist die ganze Wand voller Tags.
Selbst die Tür mit dem aus den Achtzigern stammenden knallroten Mund auf
blauem Grund wird überkritzelt. Das Programm ist fast voll, die Reichweite
des Senders aber noch gering. Wir haben einen Gast in jeder Sendung, meistens
Drum'n'Bass, diesmal aber Dancehall, DJ B. Er hat Prominenz mitgebracht:
Gentleman am Mikrofon! Seine Augen sind nur noch Schlitze, aber sehen muss er ja
auch nichts.
Wir sind alle total gut gelaunt. Manche Abende im Sender haben diesen
Zauber, dem man sich nicht entziehen kann. Ich überlege, warum das so ist:
Es gibt bei Twen FM keine festgelegte Form, kein Sendeformat, und nur so kann es
auch Überraschungen geben. Wie die Sendung wird, und wer dann vorbeikommt,
ist uns vorher nie ganz klar. Ein TV-Team fragt später, ob uns die
Illegalität kickt. Keiner will das bestätigen, Illegalität ist
Mittel zum Zweck, kein Statement an sich.
Plötzlich ist alles dunkel! Alle stürmen an die Fenster. Drei
Stockwerke unter uns leuchten ein paar Polizisten den Hof aus. Was gibt es wohl
in den Ecken eines verdreckten Berliner Hinterhofes zu sehen, das für einen
Polizisten interessant sein könnte? Ratlose, gespannte Stille. Nur DJ B.s
letzter Tune flüstert Jamaika in den Senderaum. Polizistenkörper
schleppen sich zwei, verdammt, drei Stockwerke hoch. Oha. Die Tür wird
aufgestoßen. »Sind Sie das hier mit der Lautstärke?« wird
geschnauzt. Wir sind geschockt, fühlen uns völlig unschuldig. Bevor
wir noch richtig abstreiten können, wird das ganze Equipment von den Jungs
eingepackt, einer deutet auf den Sender. Was das denn sei? »Keine Ahnung«,
S. zieht die Schultern hoch, »hat keine Funktion.« Sie haben es
geschluckt. Unglaublich. Yeah. Alles wird abtransportiert. Nur der Sender nicht.
Haha! Nach einem kurzen Freudentaumel wird es still. Zwei Plattenspieler und ein
Mischpult - futsch.
Mai 1999, erste Hälfte
Irgendwie ist es S. gelungen, neues Equipment aufzutreiben, aber zwei Wochen
später ist auch das weg. Irgendjemand, es wird gemunkelt: die Post, hat über
Nacht alles ausgeräumt. Und zwar alles! Demotivation macht sich breit. DJ
A. merkt an, dass ihm das Ganze jetzt »zu heiß« wird.
Mai 1999, zweite Hälfte
C. hat einen der Plattenspieler, die bei der Ruhestörungsaktion
konfisziert wurden, ausgelöst. Hat sich einen kurzen Rock angezogen und die
Bullen angeklimpert. Blinzelblinzel, das ist mein Plattenspieler,
blinzelblinzel, hier ist die Quittung, blinzelblinzel, und ich brauche ihn
un-be-dingt zurück. Nuschelnuschel, da machen wir mal ausnahmsweise ...
eine Ausnahme nuschelnuschel, na, weil sie es sind, nuschelnuschel, lechz, ihre
schlanken Finger müssen ja beweglich bleiben. Ja, und jetzt steht er in der
neuen Location.
Die ist zwar abenteuerlich und lässt sich auch nicht abschließen.
Ein winziges Zimmer auf einem unbeheizten Dachboden. Die einzige Sitzgelegenheit
ist ein versifftes altes Surfbrett, auf dem jeder, der zum ersten Mal da ist,
festklebt. Na, wenigstens ist es nah an der Antenne. Es ist immer noch kein
zweiter Technics MK am Start, also landet C.s dort. S.s größtes
Talent zweifelsohne: Leuten ihr Eigentum abschwatzen. Ohne das, und ohne die
Gutmütigkeit seiner Opfer, gäbe es den Sender gar nicht.
Juni/Juli 1999
Schon wieder ist etwas geklaut worden: C.s Plattenspieler. Und nur der. Er
war irgendwo auf dem Dachboden versteckt, in einer Mulde mit einer Decke
zugedeckt oder so. Der andere war nur ausgeliehen und wurde von der Besitzerin
wieder abgeholt. Twen FM braucht Geld, ist reif für eine Benefizparty. Es
gibt nicht nur eine, es gibt viele in diesem Sommer. Nur, viel Geld kommt nicht
rum dabei. Irgendetwas läuft immer schief. Bei der ersten Party fressen die
Personalkosten des Clubs den Gewinn, bei der zweiten reichen die Moneten gerade
mal für die Schulden (es kommt raus, dass so einiges auf Pump gekauft
wurde), aber die dritte soll jetzt endlich Gewinn bringen! D. D., Künstler
und Twen-FM-Sponsor, hat eine Ausstellungseröffnung und veranstaltet die
anschließende Party zu Gunsten des Senders. Zum Geld-Verdienen hätte
man den Ort nicht besser aussuchen können: ein Dachgarten mit Blick auf die
Museumsinsel, very chic & exclusive, very Speed Garage. Es ist schon sehr früh
sehr voll, genauso wie wir und alle anderen auch. An der Bar muss man ewig
anstehen, und in den Ecken hört man Nasenschniefen. Wer nicht gerade
auflegt, tanzt oder kichert selig vor sich hin. Am Ende des Abends bekommt
Twen-FM-Macher S. von D. D. eine Menge Schotter und verschwindet daraufhin ganz
plötzlich.
In den nächsten Tagen ist er nicht zu erreichen, keiner weiß, wo
er ist. Bis ein noch immer vom Wochenende betrunkener Freund von ihm plaudert
und bei uns für Ernüchterung sorgt: S. veranstaltet gerade seine ganz
private Benefizparty: auf Sizilien!
August/September 1999
Die Organisation wird immer schlampiger. Schlüssel verschwinden, Leute
werden nicht benachrichtigt, wenn ihre Sendung ausfällt. S. ist kaum noch
da, alle bekannteren DJs der Stadt haben sich schon abgeseilt, Twen FM ist ein
sinkendes Schiff, doch halt: Es naht Rettung! Dr. Disco, ein sehr ruhiger,
freundlicher, relativ zuverlässiger und immer Gras rauchender junger Mann übernimmt
die Führung. Er trägt eine Skijacke und spielt als DJ alles »von
Achtziger bis Funk«. Er passt auf, dass nichts geklaut wird, ist eigentlich
immer da.
Einmal komme ich mit W. vorbei, weil wir eine Party durchsagen wollen. Der
Raum ist voll mit total dichtgekifften, aggressiven Mitte-HipHop-Homies. Dr.
Disco steht mitten im Raum, von der Atmosphäre unbeeinflusst, lächelt
entrückt.
Oktober 1999
Twen-FM-Treffen. Es wird klar: Mit Dr. Disco ist die Gitarren-Fraktion größer
geworden. Wir befinden uns in der Sendung von Klaas, den habe ich noch nie
gesehen, und die meisten anderen, die hier rumschwirren, auch nicht. Der Sound
ist nicht so richtig einzuordnen für mich, ich sage mal: alles, außer
elektronischer Musik. Ich finde, die machen sich hier unerhört dick, Dr.
Discos neuer Assistent fragt: »Und wer bist du?«
November 1999
Donnerstag, »on bass tracks»-Sendung. In letzter Zeit haben C. und
ich öfter mal blau gemacht, zum Glück hat W. die Stellung gehalten.
Heute sind wir alle wieder dabei, als Gast legt DJ Basti Z HipHop auf, mit »endlosen
MCs« im Schlepptau.
C. brettert als erste fette Drum'n'Bass-Beats rein, die HipHopper fläzen
sich auf dem Sofa und nicken mit dem Kopf. Erst einmal einen zwirbeln. Ich
schnappe mir das Mikro: »Sneak through the streets like on paws through the
jungle, prick up your ears to 'on bass tracks', hear us rumble!«
Nach einer Dreiviertelstunde ist W. dran und lässt sweeten
UK-Underground durch den Raum säuseln, mixt noch kurz ein sexy Vocal rein,
nein, das waren C. und ich! Wir hauchen mit, haha! So, jetzt werden die MCs
langsam ungeduldig. DJ Basti Z drängt an die Plattenteller. Die Jungs
stellen sich in einen losen Kreis und lassen das Mikro rumgehen. MC Yaneq: »Ich
cypher endlos wie Brockhaus, sag', was los is, ich lock's raus, Twen FM flow
shit!« Eine halbe Stunde geht schnell rum, die Typen, die nach uns Sendung
haben, sind sowieso schon länger nicht mehr da gewesen, und so machen wir
locker bis eins durch. Supersendung! Der einzige Wermutstropfen: Wer zuletzt da
ist, muss den Sender wegschleppen.
Dezember 1999
Die Steppaz Convention vom »Maria« hat Besuch aus England. DJ
Skynet und DJ Stakka, dazu noch zwei MCs von Rude FM, einem Piratensender aus
London. Ich rufe MC Tweed an, der samstags von 15 bis 20 Uhr Sendung macht, und
frage ihn, ob er noch Platz für ein paar Gäste hat. Er hat. Nur: Wir
warten und warten und keiner kommt. Es ist schon halb acht durch und die Leute
von der nächsten Sendung, »Musique la carte«, stehen in
den Startlöchern, inklusive Girls. Ich frage mich, wo sie die immer
herbekommen. Sagen die denen: »Hey, ich mache eine Sendung auf'm
Piratensender, wollt ihr gleich mitkommen?« Oder was? Naja, wir halten sie
hin, so richtig glücklich sehen sie damit nicht aus, und pünktlich zum
Sendeschluss kommen DJ Stakka, MC Jeppa Dee und MC Irie. Sie legen los, haben
superfette Dubplates am Start, the MCs are faster than Speedy Gonzales! Die
Jungs von der nächsten Sendung haben jetzt doch gar nichts dagegen, dass
wir die Zeit überziehen, und eigentlich sind sie auch in Ordnung.
März 2000
Dr. Disco ist in Brasilien verschollen! Also hat S. wieder übernommen.
Ein Peilwagen wird gesichtet und ein Ortswechsel steht an. Diesmal geht es ab in
den Keller. Der Sendeplan wird neu festgelegt, alles scheint organisierter,
einen Schritt weiter. Bei den obligatorischen Kartenverlosungen rufen endlich
Leute an, die Presse und die Partys haben den Sender so bekannt gemacht, dass
wir in Clubs von Hörern auf das Programm angesprochen werden.
Leider: Polizei und Post haben das auch alles verfolgt. Die Hoffnung, dass
ein unpolitisches Clubradio geduldet wird, hat sich nicht erfüllt. Am
Samstag, den 4. März, höre ich erste Gerüchte auf einer Party, MC
Tweed raunt mir zu: »Der Sender is hops jejangen!« Am Sonntag
telefoniere ich mit MC Yaneq: »Ich wollte gerade oben einen anrollen, da
sehe ich drei Wannen und so einen technischen Truck rumstehen. Ich höre die
Bullen sagen: 'Ich glaube, wir haben ihn!' und schon kommen sie reingestürmt.
Unten waren ungefähr 15 Leute, DJs, MCs.«
MC Tweed: »Oben hörtest de Stiefel rennen, und zwar en masse, und
auf einmal guckt mich ne Taschenlampe an: 'Allet liegenlassen, rauskommen, Raum
verlassen!'« Am 3. März, gegen 20 Uhr, stürmten drei
Zehnermannschaften den Sender, demolieren Inventar, beschlagnahmen alle
technischen Gegenstände und lassen 15 Kulturschaffende bis zu drei Stunden
per Adler an der Wand stehen. DJ Hek 187: »Alle wurden durchsucht und müssen
unterschreiben: 'Untersuchung wegen Betreiben einer unerlaubten Sendeanlage /
Beweismittel', und dann: 'ohne Erfolg' ist angestrichen, puh!« Vorläufige
Bilanz: Sendepause.
Twen FM sendet am 1. April legal im Internet unter
www.twenfm.de und jede Nacht von 0 bis 2 Uhr
mit Live-Chat, Video und Audio auf dem Offenen Kanal Berlin
Anfang März stürmte die Berliner Polizei den Sendekeller von
TwenFM. Nach der Konfiszierung seiner Ausrüstung will der DJ-Sender ab
April legal per Internet und beim Offenen Kanal weitermachen
Radiomachen ist schön und ein nettes Hobby wie für andere Leute
Gartenarbeit. Nicht schön ist, wenn man mit einem eigenen Sender von der
heimischen Garage aus sendet und die Regulierungsbehörde für
Telekommunikation und Post dahinter kommt. Die erstattet Anzeige, besorgt einen
Durchsuchungsbefehl und lässt die Polizei anrücken. Und wenn diese die
Sendeanlage auch wirklich finden will, kann schon mal was im Eifer des Gefechts
kaputtgehen. So was passiert halt. Das Pech hatte der Piratensender TwenFM in
Berlin-Mitte zum Beispiel am 3. März.
Eine UKW-Lizenz ist für einen Sender in Berlin neben den 25 vorhandenen
Programmen schwer zu ergattern, nicht kommerzielle private Sender bleiben
chancenlos. So kämpft seit einigen Jahren das Projekt Radio Pi, ein
Zusammenschluss aus mehreren freien Sendern, um eine eigene Frequenz. Die
Legalisierung von Piratensendern ist völlig ausgeschlossen. Denn: "Die
müssen auch nicht Mitarbeiter, Gema-Gebühren und Verbreitungswege
bezahlen", sagt Susanne Grams, Sprecherin der Landesmedienanstalt
Berlin-Brandenburg. "Die wollen ihre besonderen Inhalte verbreiten und
Tabus brechen."
In Berlin existieren zur Zeit etwa ein halbes Dutzend illegaler Sender, doch
nur TwenFM und Radio Westfernsehen sind regelmäßig on air. Die
anderen sind immer mal sporadisch zu hören.
Illegaler Clubsound
TwenFM will eigentlich auch keine politischen Tabus brechen, sondern ist über
seine Illegalität hinaus ein DJ-Sender und für Clubsound zuständig,
der seit einem Jahr täglich ab 18 Uhr rund acht Stunden lang in den
Ostberliner Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg auf UKW 95,1 empfangen werden
kann. "Wir machen einfach nur Musik", meint der Initiator über
die wöchentlich zwanzig Sendungen mit ungefähr 50 DJs. Ganz anders
Radio Westfernsehen, das als Antifa-nah gilt und politisches Sendungsbewusstsein
im Wortsinn demonstriert. Den TwenFM-Kollegen hat man nicht viel zu sagen, nach
der Polizeiaktion hat ein Westfernseh-Mitarbeiter nur wenige mitfühlende
Worte übrig: "Das ist eine andere Generation, die ihr Partygefühl
erweitert. Die würden bei Kiss FM weitermachen, wenn die sie anstellen würden."
Radio Westfernsehen selbst sendet erst seit gut zwei Monaten regelmäßig
auf der Frequenz 104,1.
Vielleicht sei es der Regulierungsbehörde mit einem weiteren, zudem
explizit politischen illegalen Sender in der Stadt zu bunt geworden, spekuliert
ein Mitstreiter über die Durchsuchung. Denn die kam zwar nicht unerwartet,
aber zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Nach Einschätzung der
Funkpiraten "könnten die Techniker der Telekommunikations-Behörde
bereits nach 20 Minuten den Sender lokalisieren". Doch die zuständige
Bonner Behördenzentrale hüllt sich in Schweigen: Man habe eben so
lange bis zur Entdeckung ds Senders gebraucht, sagte Sprecher Harald Dörr.
Nach TwenFM-Darstellung soll ein kommerzieller Sender gegen den Piratenkanal
geklagt haben, weil dieser dem Privatprogramm Zuhörer abspenstig mache.
Viel Publikum können TwenFM und Radio Westfernsehen mit ihrer Reichweite über
ein paar Blocks wohl kaum den Fängen der Dudelfunker entreißen - und
auch die Zielgruppe ist eine andere als die des etablierten Hörfunks. Warum
die Regulierungsbehörde gerade jetzt eingeschritten ist, verrät sie
nicht.
Cyber-TV und Chatforum
Unbestritten übereifrig ist aber die Polizei bei der Aktion gegen
TwenFM vorgegangen. "Die kamen mit gezogener Waffe rein und haben uns
gedroht", sagt der 24-jährige Hip-Hop-DJ Hek 187: "Die
Zivilbullen waren am härtesten. Wir mussten drei Stunden in der Grätsche
an der Wand stehen." Hek 187 stand am DJ-Pult und hatte noch die Kopfhörer
auf, als die Polizisten Freitagabend gegen 20 Uhr in den Sendekeller im Bezirk
Mitte eindrangen. Das machte ihn prompt zu einem der Hauptverdächtigen
unter den 15 anwesenden DJs und MCs. Neben der Sendeanlage und den
Plattenspielern beschlagnahmte die Polizei noch Mikrofone, Platten, Mini Discs
der DJs und zwei PCs von Bewohnern des Hauses. Als die Personalien der Verdächtigen
aufgenommen wurden, lief ironischerweise Radio Westfernsehen.
Ungewöhnlich ist der hohe Polizeiaufwand für ein Delikt, das mit
dem neuen Telekommunikationsgesetz vor zwei Jahren zur Ordnungswidrigkeit
herabgestuft wurde: "Das ist nicht mehr, als wenn Otto Normalverbraucher über
eine rote Ampel fährt", beurteilt Rechtsanwalt Rainer Palma die Lage,
der schon einige Piratensender vor Gericht vertreten hat. "Die Verhältnismäßigkeit
der Mittel sollte gewahrt bleiben". Die Regulierunsgbehörde wird sich
nun einen Hauptverantwortlichen suchen müssen, der in den nächsten
Wochen einen Bußgeldbescheid über ungefähr 3.000 bis 5.000 Mark
zugeschickt bekommt.
Das schreckt den TwenFM-Gründer nicht ab: "Wir lassen das ganze
weiterlaufen." Bald auch digital - und legal: Ab April im Internet unter
www.twenfm.de. Außerdem
soll im Nachtprogramm des Offenen Kanals täglich von null bis zwei Uhr das
Sendestudio gefilmt werden und dies über einen vom Kulturamt geförderten
"Kulturserver" im Netz abrufbar sein. Für TwenFM als interaktives
CyberTV ist ein Chatforum geplant nebst Zuschauerbeteiligung bei den Sendungen.
Nicht schlecht für einen eben noch von der Polizei gejagten Piratensender.
VERENA DAUERER
Zufällig anwesende Hip-Hop-DJs werden zu Hauptverdächtigen.
Ein Sondereinsatzkommando der Berliner Polizei
hat am Freitag Abend die Sendeaktivitäten des Piratensenders Twen FM vorläufig
beendet. Sendeanlagen und andere technische Ausrüstung, ebenso wie Bargeld
und sogar Musik-Minidiscs wurden beschlagnahmt. Jugendliche Hip-Hop-DJs, die zum
Zeitpunkt des Polizeieinsatzes gerade das Mischpult bedienten, wurden
unvermittelt zu Hauptverdächtigen.
Twen FM sendete seit etwa einem Jahr täglich von 18 - 2 Uhr vor
allem Musik aus der Berliner Club-Szene und deckt so ziemlich dass gesamte
musikalische Spektrum von Techno über House zu Speed Garage, Drum and Bass
und Hip Hop ab.Es bildete mit seiner unkommerziellen Art und seiner
musikalischen Ausrichtung die rühmliche Ausnahme in der größtenteils
traurigen und niveauarmen Berliner Radiolandschaft. Da der Sender nur eine
Reichweite von einigen Kilometern hatte, konnte man Twen FM nur in den zentralen
Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und mit ein bisschen Glück und gutem Wetter
auch in Friedrichshain und Kreuzberg empfangen.
Nachdem die Betreiber des Senders zu Beginn ihrer Aktivitäten Wert auf
Anonymität legten, gab es in den letzten Monaten vermehrt Resonanz in der
Berliner Presse. Artikel in der Taz und in dem Berliner Stadtmagazin Tip
folgten. Mit dem Kulturamt Mitte wurde kurz vor der Durchsuchung und vorläufigen
Schließung des Senders ausgehandelt, einen Internet-Zugang zu bekommen,
damit Twen FM ihr Programm auch live im Internet streamen können.
Gleichzeitig gab es eine Absprache mit dem Offenen Kanal Berlin, dass Twen FM am
Wochenende vier Stunden über den Offenen Kanal zu empfangen sein sollte.
Aber jetzt zu den Geschehnissen.
Freitag 3.März 2000. Berlin Mitte: Wie jeden Tag wird aus dem
Erdgeschoss eines heruntergekommenen Hauses das Programm der einzigen Berliner
Piratenradiostation Twen FM gesendet. Das Haus ist seit ein paar Monaten
Sendezentrale von Twen FM. Die wöchentliche Hip-Hop- und
Drum-and-Bass-Sendung Mo Fat Radio wird gerade gesendet
Neben den Gastgebern des Plasma Soundteams um DJ
Shirkan und MC Yaneq sind noch DJ Hek 187, MC Gauner und einige andere Berliner
Hip-Hop- und Drum-and-Bass-Aktivisten anwesend. Gegen 20 Uhr stürmt
ein in Riotgear gekleidetes Einsatzkommando der Polizei das Ladenlokal und
fordert die etwa vierzehn anwesenden DJs und MCs im Kasernenhofton (lauter als
120 dbd) auf, die Musik aus zu machen und sich mit erhobenen Händen an der
Wand aufzustellen. Fragen nach Gründen für die Maßnahmen wurden,
wie Augenzeugen berichten, nicht beantwortet und mit der Feststellung quittiert,
dass man keine Fragen zu stellen habe. Nach anderthalb Stunden Stehen mit
erhobenen Armen an der Wand, bei dem den Künstlern anfangs sogar der Gang
auf die Toilette verweigert wurde, begann die Polizei die Personalien der
Anwesenden aufzunehmen. Die Staatsschützer fragten weiterhin gezielt nach
DJ-Namen, die bei Twen FM Sendungen machen.
Der Sendeplan, die Computer und die Kasse einer
Vereinsbar, die in den selben Räumlichkeiten arbeitet, sowie Anlage und
Sender wurden beschlagnahmt, genauso wie die Platten von DJ Hek 187 und 15
Minidiscs von MC Gauner, auf denen eine Reihe unveröffentlichter Tracks mit
Berliner MCs sind, die er produziert hat und die lediglich auf diesen Minidiscs
gespeichert sind. Desweiteren wird Gauner, der zum ersten Mal bei Twen FM ist,
und DJ Hek 187, da sie zum Zeitpunkt der Durchsuchung am Mischpult
herumhantierten, vorgeworfen, die illegale Sendeanlage betrieben zu haben. Nach
etwa zwei Stunden dürfen alle Beteiligten, nachdem sie unterschrieben
haben, dass sie durchsucht und ihre Personalien aufgenommen wurden, den Sender
verlassen. Informationen über den weiteren Verlauf des Verfahrens erhalten
sie nicht. Die beiden zu Hauptverdächtigen stilisierten MC Gauner und DJ
Hek 187 werden von der Polizei nach Hause gebracht, wo sie auch gleich einen
Blick in deren Wohnungen werfen und androhen, dass eine richtige
Hausdurchsuchung noch folgen könnte.
Wie die Zukunft des Senders aussieht und was mit den gebusteten Hip Hoppern
passiert, ist ungewiss. Eine Anzeige wegen illegaler Betreibung eines Senders
liegt vor. Vonseiten der Betreiber von Twen FM ist zu hören, dass man in
den nächsten zwei Wochen mit neuem Sender wieder On Air gehen will.
Informationen zu Twen FM können über
diese Emailadresse <mailto:twenfm@hotmail.com>
angefragt werden, eine Web-Adresse ist nicht bekannt.
Piratenradio WESTFERNSEHEN Keine Sendelizenz
- Kein Geld - Kein Format - Aber viel Spaß!
Ein eiskaltes, zugiges Loch. Hier, auf einem Dachboden hoch über der
glitzernden, schicken Mitte, befindet sich die Sendezentrale von Radio
Westfernsehen. In Legebatterie-ähnlicher Enge sitzen Heinz-Klaus und
Edmund, eingepackt in eine beachtliche Schicht aus Pullovern und Jacken, vor dem
zusammengeschnorrten Equipment aus Reglern, Mikros, Mischpult und Hi-Fi-Anlage.
Einmal pro Woche, freitags von 18 bis 19 Uhr, schicken sie ihre
,,Feierabendpolitik über den Äther. Ohne Sendelizenz. Ohne geregeltes
Format und ohne Honorar. Aber mit viel anarchistischem Spaß. Den legendären
Piratensender Radio Dreyecksland vor Augen, fängt die ,,Feierabendpolitik"
da an, wo Kommerzsender wie Radio Eins aufhören: ,,Was wäre, wenn die
CDU ihre schwarze Kohle auch schwarz verdient hätte - durch Waffen- und
Drogenhandel oder Prostitution. Oder: ,,Dürfen Nazis ungestraft am schönen
Wetter partizipieren?" lauten die Fragen, die die beiden Endzwanziger an
diesem Freitag auf der Frequenz 104.1 MHz ihren zufälligen Hörern
stellen. Ihr Antrieb ist der Drang nach unzensierter Meinungsäußerung
und die Lust, klassisches, sprich langweiliges Sendeformat aufs Korn zu nehmen.
,,Wir haben keinen Anspruch auf Professionalität, wollen wir auch nicht",
so Edmund, der in den Pausen des ,,Streitgesprächs" alte Hits von
Dinosaur Jr. spielt - dilettierender Übergang und Rückkopplungen
inbegriffen. Charmant und ungekünstelt beenden die beiden ihre Sendung.
19.10 Uhr - Zeit für Klara und Patrick, ein Paar aus der Theaterszene, die
Berlin einfach mal mit ihren liebsten Platten beglücken wollen. Beide
wissen noch nicht genau wie, aber ihr ,,Nachtrock spezial" läuft ja
heute auch zum ersten Mal. Marcus Weingärtner
Sendungsbewusst bis der Peilwagen kommt: Ein
Piratensender beschallt den Bezirk Mitte VON ANDREAS RABENSTEIN
Es ist kalt im Studio von "Radio Westfernsehen", so kalt, dass es
beim Ausatmen kleine, weiße Wölkchen gibt. Durchs geschlossene
Fenster dringt das Quietschen einer S-Bahn. Auf einem Schreibtisch stapeln sich
CD-Player, Plattenspieler, Mischpult und Computer. Davor sitzt Bernd auf einem
Drehstuhl, der bei jeder Bewegung knarrt. Wenn der Moderator ins Mikrofon
spricht, darf er sich nicht bewegen, sonst kann ihn niemand verstehen.
Montagabend, kurz vor 18 Uhr: Am liebsten würde Bernd die Sendung
ausfallen lassen. In der Nacht ist sein Computer abgestürzt. Den geplanten
Beitrag über Sex in der jüngsten Lindenstraßen-Folge konnte er
nicht zusammenschneiden. Wenn "Radio Westfernsehen" heute nicht
sendet, würde sich niemand beschweren. Bernd hat keinen Chef, keine
Werbekunden und wie viele Menschen ihm zuhören, kann er nicht mal schätzen.
"Radio Westfernsehen" ist ein Piratensender oder, wie es die
Betreiber ausdrücken, ein "freier und nichtkommerzieller Rundfunk".
"Wir wollen endlich auch in Berlin ein unabhängiges Bürgerradio
als Alternative zum üblichen Dudelfunk durchsetzen", sagt Bernd, der
schon seit Jahren in freien Radiogruppen arbeitet. Freitags ist die autonome
Szene dran, am Donnerstag hat die Frauenredaktion das Sagen.
Seit Ende Januar wird täglich von 18 bis 19 Uhr auf der Frequenz 104,1
Megahertz gesendet. Die Reichweite beträgt höchstens drei Kilometer,
so dass gerade mal die Bewohner von Mitte zuhören können. Technisch wäre
eine größere Reichweite kein Problem, doch damit könnten die
Betreiber andere Sender stören - und so Aufmerksamkeit an gefährlicher
Stelle erregen.
Sobald sich nämlich mehrere Menschen über allzu häufiges
Knarzen ihres Küchenradios beschweren, schickt die Regulierungsbehörde
für Post- und Telekommunikation Peilwagen durch die Straßen. "Ansonsten
fallen solche Piraten gar nicht auf", sagt Harald Dörr von der
Regulierungsbehörde. Illegales Senden ist zwar seit zwei Jahren keine
Straftat mehr, sondern nur noch eine Ordnungswidrigkeit. Statt Gefängnisstrafen
droht aber immer noch, dass die Ausrüstung konfisziert wird. Dieses Risiko
wollen in Berlin nur wenige Piratenfunker auf sich nehmen. Neben "Radio
Westfernsehen" gibt es nur noch einen Sender, der regelmäßig
eine der engen Lücken im dichten Frequenzband Berlins benutzt: Twen FM, der
täglich gegen 19 Uhr auf 95,1 Mhz Techno wummern lässt.
Um 18 Uhr hat Moderator Bernd seine Unlust überwunden und greift zu
Mikro und Maus. Über die sexuellen Probleme von Mutter Beimer und Co.
spricht er nun eben live. Montag ist wohl sowieso nicht der Tag der politischen
Subversion bei "Radio Westfernsehen". Oder nur für Eingeweihte
verständlich. Am Ende der Sendung erklingt eine Benefiz-Single des Wiener
Tierschutzvereins mit dem Refrain: "Ihr Tiere dieser Welt, die wahren
Bestien sind wir."
PIRATEN ÜBER BERLIN
Nach langer Zeit gibt es wieder einen illegalen Radiosender in Berlin.TWEN FMsorgt für Clubkultur im Äther
Eine brüchige Treppe führt hinauf ins Licht. junge Menschen, laute
Musik, vergnügtes Lachen, Partystimmung. Phat dröhnt der Beat aus dem
oberen Stockwerk des leerstehenden Hauses in den dunklen Hof. Eine DJeuse mischt
auf einem Camping-Tisch an zwei Turntables Drum'n'Bass. Dazu rappt der MC ins
Mikrofon: "Brothers and Sisters, hier ist Twen FM." Die Klänge
kommen jedoch nicht aus dem Verstärker einer HiFi-Anlage, sondern live aus
dem Radio eines Ghetto-Blasters Frequenz UKW 95,1.
Lange war es ruhig in der Berliner Piraten-Radio-Landschaft. Längst
schien der Äther verloren an die privaten und öffentlich-rechtlichen
Sendeanstalten, zwischen Klassik-Konzert, Infotainment und Dudel-Funk. Doch
jetzt ist Twen-FM da, dank eines unscheinbaren schwarzen Kastens, der neben dem
Camping-Tisch inmitten eines Kabelsalats liegt. "Der Sender hat eigentlich
Kapazität für die ganze Stadt", sagt Sven*, der Initiator von
Twen-FM. Doch noch lassen es die Radio-Piraten vorsichtig angehen. Seit Anfang
Februar ist der Sender in Mitte und mit etwas Glück auch in den
angrenzenden Bezirken zu empfangen. Das Programm läuft zur Zeit von
Donnerstag bis Sonntag, 20 bis 2 Uhr.
Doch eine konventionelle Programmstruktur gibt es bei den Radio-Piraten
nicht. Twen-FM sendet ausschließlich live aufgelegte Clubmusik (Drum &
Bass, Electro, HipHop, House, Garage, Big Beat, Techno), die DJs und MCs haben
jeweils feste Sendeplätze à zwei Stunden. Wortbeiträge beschränken
sich auf Party-Tips, Platten-Infos und Kartenverlosungen. "Wir verfolgen
keine politische Mission", sagt Sven, "uns geht es um Spaß und
die Musik, die wir gerne hören."
Die ist zwar in der heutigen Jugendkultur die prägendste Stilrichtung,
doch im Programm der offiziellen Radiostationen nur spät am Abend in
Spartensendungen zu finden. Zwischen Klangteppichen, Werbung und
Moderatorengeplapper ist kaum Platz für Clubmusik: Denn die können die
Plattenindustrie und die Radiostationen nur schwer kommerziell ausschlachten. Es
fehlen knappe Formate und Gesichter, die gewinnbringend gehypt werden können.
"Ein Sender wie Twen-FM war in Berlin lange überfällig",
sagt der MC, der jeden Donnerstag gemeinsam mit DJeuse C. die Sendung "On-Bass-Traxx"
in den Äther schickt. Der Mangel an Clubmusik im Radio ist nicht nur für
die Hörer bitter, sondern auch für die Musiker, die außerhalb
der Clubs kaum Foren für ihre Musik finden.
Die frohe Kunde von der Existenz Twen-FMs hat sich in der Szene schnell
herumgesprochen. "Die Bereitschaft mitzumachen ist riesig", erzählt
Sven; der auch selber als Musiker und Drum 'n' Bass-Produzent arbeitet. Selbst
DJs aus dem Ausland, die in Berlin gebucht worden sind, legen nach ihrem
Auftritt noch bei Twen-FM auf. Fest dabei im Team sind mittlerweile
Plattenaufleger aus dem WMF, Icon, berlintokyo, der Maria oder NBI. Mit
derartiger Besetzung wird Erfolg und Kultstatus nicht lange auf sich warten
lassen.
Doch Radiopiraterie ist illegal. Die Frequenzen gehören dem Staat, und
die Telekom verwaltet. Zwar heißt es im Artikel 5 des Grundgesetzes: Die
Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film
werden gewährleistet. Doch wer senden will, muß unzählige
Auflagen einhalten und vor allem deftig zahlen. Wer es trotzdem tut, dem drohen
Strafen bis zu fünf Jahren Haft. Wegen der rigiden Handhabung des
Fernmeldeanlagen-Gesetzes gibt es in Deutschland nur noch wenige Piraten-Radios,
die zumeist nur sporadisch senden. Allein in London existieren dagegen gleich
mehrere illegale Sender mit Vollprogramm. Doch von Angst ist in den kahlen Räumen
in dem leerstehenden Haus nichts zu spüren. Die Stimmung ist gut, und die
Bedrohung, von einem Peilwagen der Telekom oder von einem Sondereinsatzkommando
ausgehoben zu werden, nehmen die Radio-Piraten von Twen-FM locker "Wir
hoffen, daß die Polizei spätabends andere Sorgen hat; als uns
hinterher zu fahnden" sagt Sven. Hinter seiner Stirn pochen bereits die Pläne
für das nächste Projekt: Ein Twen-FM-Netzwerk mit Sendern in allen
deutschen Großstädten. Fensch/Diehn
"Hören tut ditt eh kein Schwein", doch trotzdem gibt
es in Berlin etwa ein halbes Dutzend illegale Radiosender. Ein Abend mit Ätherpiraten
über den Dächern von Prenzlauer Berg.
In der Wohnung unter mir flimmert das Samstagabendprogramm, das Pärchen
vor der Glotze streitet, und wäre es Sommer, man könnte bei geöffnetem
Fenster jedes Wort verstehen. Aber es ist Mitte April, der Himmel bewölkt,
und es ist bitterkalt hier oben auf den Dächern über dem Prenzlauer
Berg zwischen Wasserturm und Zionskirche.
"Nich träumen", mahnt Thimo, "wer nach hier oben mit
will, der muß och anpacken". Thimo ist 27, geboren in Berlin/Ost. Als
die Mauer fiel, dachte er sich: "Jetzt ist alles möglich". Auch
Piratenradio. Thimo hat hier oben das Sagen. Er trägt das "Baby".
Das "Baby" ist ein kleiner Aluminiumkasten, etwa so groß wie ein
Christstollen. Das "Baby" ist der Sender.
"Tausend Kröten kostet ditt, wenn de dir den aus Uhsah schicken läßt".
Uhsah, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Gleich nach der Wende war
Thimo "drüben". Und von dort hat er seinen ersten Sender
mitgebracht. "Mann, war ich naiv damals. Watt wußt ick denn, ditt man
dett janich durfte". Daß der freie Westen gar nicht so frei ist, wie
Thimo sich das vorstellte, merkte er schnell. "Fünf Jahre Bau können
schon drin sein, wenn de hier oben erwischt wirst". Erwischt wurde Thimo
noch nicht, aber er weiß: "Der Staat wehrt sich."
Im Westen, hinter der Zionskirche, reißt ein wenig der Himmel auf, läßt
eine Spur von Abendrot durch, so als wäre es das Startzeichen für
unsere illegale Aktion. "Ma kann nich einfach nur uffs Dach gehen, man muß
och wissen, wo ma wieda runtekommt" erklärt Thimo. Das Dach wurde gut
ausgewählt. Es gibt drei Fluchtwege nach unten. Die höchste Stelle auf
dem Dach ist ausgemacht, von hier hat man die größte Reichweite.
Jetzt wird aufgebaut; die Sendeantenne an einer Feuerleiter festgemacht. Mit
drei Plastikbindern geht das am schnellsten und mit einem Schnitt ist die
Antenne im Ernstfall sekundenschnell wieder abgebaut.
"Ernstfall, ditt is, wenn die Bullen kommen", erklärt mir
Thimo und ich weiß nicht, ob er mir nur ein bißchen Angst machen
will, oder ob hier tatsächlich Räuber und Gendarm für Großstadtindianer
gespielt wird. Aus dem Funkgerät krächzt es: "Hey, mach mah
Meldung, wann's losgeht. Hier unten is alles sauber."
Wir sind zu fünft; drei, die unten sichern, Thimo und ich hier oben auf
dem Dach. Jeder Handgriff von ihm wirkt wie tausendmal geübt; ich reiche
ihm die Kabel, die er verlangt. Meine Hände zittern, nicht nur vor Kälte.
Ohne meine Hilfe ginge es sicherlich schneller.
"Früher da warn die Bullen richtich heiß und die Post hat
schon um die Ecke gestanden mitm Peilwagen", erklärt Thimo. Früher,
das war Mitte der 90er Jahre, als man unter dem Namen Radio Prenzlauer Berg fast
wöchentlich sendete. Immer nur eine Viertelstunde - zwanzig Minuten. Mehr
war zu gefährlich. Mit einem Bein im Gefängnis, das war den meisten zu
riskant. Dann saß der erste in U-Haft. "Der stand nur unten rum, mit
ner Funke in der Hand, den hamm'se einfach mitgenommen". Da war erst mal
Schluß mit Radio Prenzlauer Berg. Was blieb, waren mehrere Sender. Einen
davon hat Thimo.
"Ick seh ma' irgendwie als Spaßguerilla", sagt Thimo, während
er sich bückt und das "Baby" sendefertig macht. Betrieben wird
die Anlage mit einer Autobatterie. Die bleibt zur Not hier, wenn's schnell gehen
muß: "Hauptsache, ditt Baby wird jerettet". Die Sendung ist
vorproduziert. Ein Walkman dient als Abspieler.
"Jenau jenommen is et egal, wat wir senden, denn hören tut ditt eh
kein Schwein", grinst mich Thimo an. Die heutige Sendung handelt von den "Glücklichen
Arbeitslosen", einer Berliner Gruppe, die sich dem "Nichtstun"
verpflichtet fühlt. Ein politisches Thema also. Doch das ist die Ausnahme,
sonst sendet man Klamauk oder Musik, die sonst nirgendwo läuft. "Ditt
Problem is, wenn wa regelmäßig uff Sendung sind, hamm wa natürlich
och mehr Hörer". Aber das heißt auch bei Piratenradio: Werbung
machen, Plakate kleben und Flyer verteilen. "Und ditt mögen die Bullen
nich".
Es geht los. Thimo startet den Walkman. Die Wachposten unten bekommen über
das Funkgerät Bescheid. Für sie heißt es jetzt: Augen auf! Denn
die Peilwagen der Telekom sind nur mit geübtem Auge zu erkennen. Als hätte
er meine Zweifel geahnt, holt Thimo ein Transistorradio aus der Tasche. "Radio
Westfernsehen auf 95 Mhz" der Jingle beweist: Wir sind auf Sendung. Für
uns heißt es jetzt: warten.
Thimo zeigt Richtung Osten auf den Turm der Zionskirche. "Vor zwei
Jahren hamm wa von da am 1. Mai eineinhalb Stunden jesendet. Vollautomatisch mit
Zeitschaltuhr". Am nächsten Tag schrieb die Berliner Morgenpost: "Piratensender
steuerte Erste-Mai-Krawalle". "Allet erstunken und erlogen, ditt war
'ne vorproduzierte Sendung. Nachts hamm dann die Bullen die Tür von der
Kirche uffjebrochen und den Sender vom Kirchturm jeholt". Doch solche
Aktionen können sich die Radiopiraten eigentlich nicht leisten, dafür
ist ein Sender zu teuer. Thimo: "In Deutschland kannste nich einfach in
Laden gehen und nen Sender koofen, ditt is illegal. Die muß man sich schon
vom Ausland kommen lassen - oda selba bauen".
Thimo und seine Truppe senden seit einem Jahr unter dem Namen "Radio
Westfernsehen". Woher der Name kommt, kann er mehr schlecht als recht erklären.
"Ditt is einfach witzich, und Namen wie "Radio Unerhört"
oder "Radio Aktiv", ditt wär doch autonome Kinderkacke". "Radio
Westfernsehen" sendet einmal im Monat auf der Frequenz 95 Mhz, einer der
wenigen Frequenzen, die im Berliner Radiohimmel noch frei ist. Theoretisch könnte
man hier vom Dach aus das ganze Berliner Stadtzentrum erreichen, das ist abhängig
vom Sender und vom Wetter. "Wenn die Sonne scheint, kann uns sogar der
Kanzler im Reichstag hören", grinst Thimo.
Den größten Flop erlebte er letztes Jahr am Nikolausabend. "Wir
ham jedacht, wir machen wieder mal so'n richtich dicket Ding". Mit drei
Sendern, unter den Namen "Radio Teheran", "Radio Prenzlauer Berg"
und "Radio Westfernsehen" sendeten die Radiopiraten eineinhalb Stunden
lang. "Immah schön abwechselnd im 10 Minuten Takt, damit wa nich
jepeilt werden". Doch Frau Holle schüttete an diesem Abend alle ihre
Kissen aus. "Ditt war urst romantisch und saukalt - nur hören konnte
uns bei dem Schnee keene Sau."
Ein halbes Dutzend Piratensender gibt es in Berlin, schätzt Thimo.
Einer sendete mal eine ganze Woche aus dem Schornstein eines besetzten Hauses.
Keiner hat es gewußt und keiner hat es gemerkt. Ein anderer sendet
stundenweise das Neueste aus dem Bereich Drum'næBass. "Doch solange
jeder nur sein eigenes Süppchen kocht, kriegt das keiner mit". Darum
träumt Thimo von einer Vernetzung aller Piratenradios in Berlin. "Dann
wärs vielleicht wieder wie früher", so wie damals, als Polizei
und Post die Radiopiraten vom Prenzlauer Berg jagte.
"Abbauen, die Sendung is durch", gibt Thimo durch. Jetzt geht
alles ganz schnell. Innerhalb von Minuten ist die Antenne abgebaut, die
Autobatterie verstaut und das "Baby" wieder eingepackt. Auf der Straße
bin ich froh, daß es heute nicht so war wie früher. Keine besonderen
Vorkommnisse, keine Peilwagen, keine Polizei. Für mich ist das Abenteuer
vorbei, für die Radiopiraten vom Prenzlauer Berg beginnt der gemütliche
Teil des Abends. "Inner halben Stunde inner Kneipe" ruft Thimo seinem
Team zu. "Ick muß noch schnell ditt Baby zu Bette bringen."
22.Juli 1998--------Martin Busche---------Jungle World
Nur Kommerz auf Megahertz
Eigentlich gibt es Grund zum Feiern: Die
Bedingungen für nichtkommerzielle Radiostationen sind so gut wie nie
zuvor. Selbst Kleinstädte wie Schwäbisch Hall oder Freudenstadt
leisten sich solche Sender. Nur in Berlin/ Brandenburg darf widerspruchslos
gedudelt werden, was die Frequenz aushält. Nichtkommerzielles Radio findet
allenfalls auf dem Offenen Kanal statt. Protest gegen die Verdudelung regt sich
kaum. Die Grünen fragen zuweilen im Berliner Senat an, und Pi-Radio, die
einzige Freie Radioinitiative der Region, veröffentlicht die Antwort dann
brav auf ihrer Internetseite.
Glaubt man den Sendefreaks vom Prenzlauer
Berg, dann ist die Politik schuld. "Das liegt an der rückständigen
und unklaren Mediengesetzgebung, die Freie Radios nur als Kann-Bestimmung
vorsieht", ist unter http://web.prenzl.net/special/piradio/visionen.htm zu
lesen. Was stimmt. Die zur Erteilung einer nichtkommerziellen Frequenz zu überwindenden
Hürden sind höher als in anderen Bundesländern. Neben dem Senat
unternimmt auch die Berliner Landesmedienanstalt (MAAB) einiges, um einen
alternativen Sender zu verhindern. Offiziell steht sie Freien Radios nicht "prinzipiell
negativ gegenüber" und hat "doch extra dafür den Offenen
Kanal eingerichtet", begegnet MAAB-Sprecherin Susanne Grams allen Vorwürfen.
Außerdem rechne sich Freies Radio nicht, das habe Radio 100 doch
gezeigt. Ein schwaches Argument, sind doch in den letzten drei Jahren allein in
Berlin mit Soft Hit Radio und News Talk zwei kommerzielle Anbieter pleite
gegangen. Zweifel am Sinn kommerzieller Stationen löste das in der MAAB
nicht aus.
Auch die Besetzung des Medienrates, des
entscheidungstreffende Gremiums, gibt wenig Grund, auf eine progressivere
Medienpolitik zu hoffen. Dabei sitzen dort ausgewiesene Medienfachleute wie
Friedrich Nowottny, Frank Dahrendorf oder Ernst Benda. Doch bislang durften nur
CDU und SPD Kandidaten entsenden. Grüne oder PDSler blieben außen
vor. Als Bündnis 90/Die Grünen auf einer Änderung beharrten,
sorgte das für einen monatelangen Streit zwischen allen Parteien.
Die Schuld für Berlins Radiowüste
jedoch nur auf der politischen Ebene zu suchen, wäre zu einfach. Pi-Radio
selbst macht sich das Leben unnötig schwer. Auch wenn die Initiative
offiziell ein Zusammenschluß Ost- und Westberliner Gruppen ist, geht ihr
Bekanntheitsgrad über die Reste der Ostberliner Hausbesetzer-Szene kaum
hinaus. Zugang und somit die Unterstützung linksbürgerlicher Kreise
fehlt weitgehend und wird auch wenig gesucht. Westler haben es schwer, Fuß
zu fassen. In den Sendungen des Piratensenders P-Radio, den Pi-Radio lediglich
unterstützt, keineswegs aber betreibt, dominieren Ost-Themen.
Charlottenburg scheint, vom Prenzlauer Berg aus gesehen, weiter weg zu sein als
Hoyerswerda.
Schlecht ist auch ihr Ruf beim Bundesverband
Freier Radios (BFR). So mußten sie sich beim BFR-Hörfunkfestival
BURN, das 1995 in Berlin stattfand, vorwerfen lassen, sie seien "kaum
kooperativ, großmäulig und wenig kompetent". Tatsächlich
stehen einige Pi-Leute mit Verwaltungsvorschriften auf Kriegsfuß. So mußte
ein Lizenzantrag zurückgezogen werden, weil niemand wußte, daß
die MAAB dafür eine Bearbeitungsgebühr von 3 000 Mark verlangt. Auch
die Ablehnung einer Sonderfrequenz zur Live-Übertragung der "1. Mai
Feierlichkeiten" im Prenzlauer-Berg konnten die Radio-Aktivisten nicht
nachvollziehen. Die MAAB schon. Sie tat den Antrag dorthin, wo alle anderen
Anträge bislang auch gelandet sind. In den Papierkorb.
Martin Busche
"Die Luft gehört der Regierung"
Interview mit Jens Groeger von Pi-Radio, einem Zusammenschluß freier
Radiogruppen, über Radiopiraten und ihre eingeschränkten Möglichkeiten
Sinnflut: Was sind das für Leute, die Piratensender
betreiben?
Jens Groeger: Wenn ich jetzt ein Täterprofil beschreiben soll,
würde ich sagen, Leute, die Piratensender betreiben, sind
schlechtaussehende, verklemmte Leute, die kommunikationsgehemmt sind. Sie suchen
deshalb ein Medium, wo sie sich mitteilen und ihre Ideen der Welt verkünden
können, ohne gesehen zu werden. Da ist der Piratensender genau das
Richtige.
Aber dadurch, daß sie Piratensender betreiben, werden sie
kriminalisiert, kriegen eine ganz bestimmte Unterdrücktenmentalität
und nehmen sich deshalb bevorzugt unterdrückten Inhalten an. Das können
zum Beispiel Musik oder Kunstperformances sein, die nicht mainstreamig bei
anderen Sendern gesendet werden.
Piratensender sind strafbar. Was für Strafen gibt es für
illegales Senden?
Die Strafen sind ziemlich hart und gehen schon bei kleinen Vergehen los.
Allein der Besitz eines Piratensenders ist strafbar. Du mußt ihn gar nicht
betreiben, es reicht, wenn du ihn bei dir im Keller einlagerst. Bis zu fünf
Jahre Haft werden für solche Angelegenheiten vergeben.
Wer verfolgt Piratensender und weshalb?
Das Absurde ist ja, daß es überhaupt verboten ist, weil die Luft
nicht frei ist, sondern der Regierung gehört und von der Telekom verwaltet
wird. Diese vermietet dann die Sender zu ziemlich gesalzenen Preisen und ist natürlich
auch daran interessiert, sich den Markt aufrechtzuerhalten.
Spätestens dann, wenn andere Sender dadurch gestört werden,
verfolgt die Telekom die Piratensender mit Peilwagen, und gegebenenfalls
schaltet sich auch der Verfassungsschutz ein. Aber generell habe ich den
Eindruck, daß, solange man niemanden durch die Piratensendungen stört,
es ziemlich ungefährlich ist.
Gibt es zur Zeit aktive Piratensender in Berlin?
Es existiert nach wie vor das legendäre Radio P, das unregelmäßig
sendet. Außerdem gibt es einen Störsender, der die Frequenz 100,6
blockiert und vom Verfassungsschutz gejagt wird. Es gibt zudem eine Radiogruppe,
die "Kill Radio Energy" heißt, allerdings ist es der bisher noch
nicht gelungen, Radio Energy wirklich umzubringen. Ganz aktuell ist "Radio
Teheran Berlin", ein Piratensender, der ab und zu mal Underground-Musik
sendet.
Was genau ist Pi-Radio e.V.?
Pi-Radio e.V.ist ein Zusammenschluß von verschiedenen freien
Radiogruppen, die eine legale Antennenfrequenz bekommen wollen. Außerdem
verstehen wir uns als Koordinationsstelle für politische, ökologische
und gesellschaftliche Initiativen, die gerne Radio machen möchten, aber
nicht die technischen Möglichkeiten dafür besitzen. Wir haben ein
Studio dafür, in dem Radiosendungen produziert werden können.
Interview: Viola Prüschenk
Alle, die schon immer mal wissen wollten, wie man einen Radiosender
bauen kann, können dies auf den Internet-Seiten von pi-radio unter http://piradio.prenzl.net
nachlesen.
Tel.: 030/4414142 (AB).
Studio im Kulturzentrum Pfefferberg an der Schönhauser Allee in
Prenzlauer Berg
Bemerkung:aus: SINNFLUT
TAZ-BERLIN Nr. 5509 vom 17.04.1998 Seite 23 Berlin 98 Zeilen
Interview Viola Prüschenk